Deutsche Bahn
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26.01.2015 Frankfurt am Main/Berlin

Kunst oder Straftat? Graffitischäden bei der DB

30 Millionen Euro Schaden durch Vandalismus und Graffiti jährlich • Deliktzahlen um fast ein Drittel zurückgegangen • Konsequente Strafverfolgung und umfassende Präventionsmaßnahmen

Für Jugendliche ist es häufig nur ein Streich, der Kick etwas
Verbotenes zu tun, die Suche nach Anerkennung in einer angesagten Szene –
also nicht weiter schlimm. Für die Deutsche Bahn bedeutet es jährlich immense
Schäden: Graffiti. Seit die Graffiti-Welle in den achtziger Jahren aus den USA
nach Deutschland schwappte, gehören Züge und Bahnanlagen zu den
beliebtesten Zielen der Sprayerattacken.

Beschmierte Züge, beschädigte Sitze und zerkratzte Scheiben sind ein
Problem, mit dem die Deutschen Bahn täglich konfrontiert ist. Der Schaden, der
der DB dadurch entsteht, beläuft sich jedes Jahr auf rund 30 Millionen Euro.
Geld, das die DB lieber zum Nutzen ihrer Kunden einsetzen würde.
2013 wurden mehr als 27.000 Vandalismus- und Graffititaten zu Lasten der
Bahn registriert. Die Graffiti-Straftaten (15.500) gingen dabei immerhin um vier
Prozent zurück, die Gesamtzahl der Vandalismus- und Graffiti-Straftaten nahm
sogar um fast 30 Prozent ab. Regionale Schwerpunkte sind Berlin, Sachsen,
Sachsen-Anhalt, Hamburg und Nordrhein-Westfalen. Der Rückgang in beiden
Deliktfeldern ist auf die höhere Präsenz von Sicherheitsmitarbeitern in
Ballungsgebieten zurückzuführen.

Der durch Graffiti entstandene Schaden lag 2013 mit 6,6 Millionen Euro um
rund 13 Prozent niedriger als im Vorjahr (2012: 16.100 Fälle, Schaden 7,6
Millionen Euro). Neben der intensiven Zusammenarbeit mit der Bundespolizei
zeigt vor allem das verbesserte Einsatzkonzept der DB-eigenen
Sicherheitskräfte Wirkung. Konzertierte Einsätze an Schwerpunkten und eine
verstärkte Bestreifung von Abstellanlagen haben die Zahl der auf frischer Tat
gestellten Täter deutlich erhöht. Bundesweit konnte die Bundespolizei mehr als
1000 Täter festnehmen. Allein in Berlin haben Sicherheitskräfte der DB im Jahr
2013 rund 100 Sprayer auf frischer Tat ertappt.

Sprayer kommen aus allen sozialen Schichten
Graffiti ist neben Kratzattacken, dem sogenannten Scratching, bei der
Deutschen Bahn Schwerpunkt der Vandalismusdelikte. Betroffen sind vor allem
S-Bahnen, Nahverkehrs- und Güterzüge, Brückenpfeiler, Bahnsteigzugänge
und Lärmschutzwände. Art und Größe der Verschmutzungen variieren stark.
Mal sind es „nur“ kleine Kritzeleien. Oft sind aber ganze Züge mit Farbe
überzogen. Dieses sogenannte „bomben“ eines Zuges ist in der Szene
besonders angesehen. Der Ruhm (“fame“) der Sprayer entsteht dadurch, dass
Züge mit dem gesprayten „Kunstwerk“ quer durchs Land fahren.
Um das Erfolgserlebnis der Sprayer zu schmälern, beseitigt die DB die
Schäden möglichst innerhalb von 24 bis 72 Stunden. Bei Hinweisschildern,

Informationstafeln oder –vitrinen mit Fahrplanaushängen ist die schnelle
Entfernung des Graffitis im Sinne der Bahnkunden besonders wichtig. Zudem
befeuert eine Fläche mit Graffiti immer auch den Wettbewerb unter den
Sprayern, so dass im Lauf der Zeit immer mehr Graffitis dieselbe Fläche
bedecken. Die meisten Sprayer verlieren hingegen die Lust, wenn ihr
„Kunstwerk“ schnell wieder verschwindet und suchen sich Flächen, an denen
ihr Werk länger zu sehen ist.

Der Begriff Graffiti (Singular: Graffito) stammt aus dem Italienischen und
bezeichnet ursprünglich eine in eine Wand eingekratzte Inschrift. Die Graffiti-
Bewegung entstand in den frühen siebziger Jahren in New York und verbreitete
sich von dort aus ab Anfang der achtziger Jahre in der ganzen Welt. Das einst
als kurzlebig eingestufte Phänomen ist inzwischen zweifelhafter Bestandteil der
Jugendkultur. Unter Graffiti versteht man heute meist mit Spraydosen gesprühte
oder mit Filzstiften gemalte Schriftzüge und Bilder („pieces“). Verbreitet sind
auch die gekritzelten Signaturen („tags“) einzelner Sprayer oder ganzer
Gruppen.

Die Sprayer-Szene zieht vor allem männliche Jugendliche im Alter von 14 bis
21 Jahren an. Anders als zu Beginn der Graffiti-Ära, als die Sprayer vorrangig
aus sozial schwachem Umfeld stammten, kommen sie heute aus allen
gesellschaftlichen Schichten.

Reinigung in aufwändiger Handarbeit
Die Entfernung von Graffiti erfordert Erfahrung und Fachwissen. Aufwand,
Umweltbelastung und Kosten sind enorm. Um die aufgesprühte Farbe vom
Lack der Züge zu entfernen, werden stark reizende Chemikalien eingesetzt. Die
Reinigung der Züge ist daher nur in speziell ausgestatteten Werkstätten unter
Einhaltung von strengen Arbeits- und Umweltvorschriften möglich. Speziell
geschulte Mitarbeiter der DB müssen die einzelnen Farbschichten in häufig
zeitintensiver und mühsamer Handarbeit Schicht um Schicht abtragen. Dabei
greifen die Chemikalien die darunterliegenden Lack- und Folienschichten der
Züge an. Lösungsmittelfreie und umweltfreundliche Lacke sind spätestens nach
der zweiten „chemischen Reinigung“ zerstört und müssen komplett erneuert
werden. Für die Reinigung eines Nahverkehrs-Triebwagens benötigen zwei bis
drei Fachkräfte einen ganzen Arbeitstag. Die Kosten variieren je nach Größe
und Schichtdicke des Graffitis. Die Neulackierung eines kompletten
Triebwagens kostet bis zu 15.000 Euro und dauert rund sieben Tage.
Auch Stützmauern, Gebäude und Lärmschutzwände sind immer wieder Ziel von
Farbschmierereien. Vor allem bei historischen Bauwerken ist die Entfernung oft
problematisch und erfordert den Einsatz von hochqualifizierten Fachleuten. Bei
Gebäuden aus Sandstein frisst sich der Lack regelrecht in das Gestein und
kann nur durch eine teure Sandstrahlbehandlung entfernt werden. In anderen
Fällen müssen Graffitiflächen immer wieder überstrichen werden, was die
Luftdurchlässigkeit des Steins beeinträchtigt. Dann drohen Feuchtigkeitsschäden und Mauerschimmel. Damit die Wände weiter atmen können, erhalten viele Gebäude zum Schutz vor Graffiti Beschichtungen aus mikroporösem Wachs.

Kein Kavaliersdelikt: Sprayer können 30 Jahre lang haftbar gemacht
werden

Sobald öffentliches oder privates Eigentum illegal bemalt wird, handelt es sich um Sachbeschädigung. In Extremfällen drohen den Tätern bis zu zwei Jahre
Gefängnis. Die Bahn erstattet grundsätzlich bei jedem Vandalismusdelikt
Strafanzeige. Alle Verschmutzungen werden dokumentiert: „tags“ und „pieces“
werden fotografiert, um sie den Tätern zuzuordnen und Schadensersatz fordern zu können. Was den wenigsten Tätern klar ist: Auch wenn sie strafrechtlich unter das Jugendstrafrecht fallen und oft sogar ohne Strafe davonkommen, kann die DB den materiellen Schaden als zivilrechtliche Forderung über
30 Jahre im Nachhinein geltend machen. Summen von oft vielen Tausend Euro können so noch Jahre später eingefordert werden, auch wenn der Täter zum Zeitpunkt der Tat minderjährig war oder kein Einkommen hatte.
Als weitere Straftat kommt quasi unbemerkt noch Hausfriedensbruch dazu,
wenn die Täter z.B. Bahnanlagen oder Grundstücke unbefugt betreten. Wird ein Sprayer geschnappt, auch wenn er nur Wache steht, haftet er im Rahmen der gesamtschuldnerischen Haftung für den ganzen Schaden.
Mit Schutzlacken und Ordnungspartnerschaften gegen Graffiti
Um effektiv gegen die Schmierereien vorzugehen, arbeiten die DB-eigenen
Sicherheitskräfte eng mit der Bundespolizei zusammen. Außerdem pflegt die Deutsche Bahn einen engen Kontakt zu den Landespolizeien. Präventions- und Aufklärungskampagnen in Schulen sollen helfen, den Jugendlichen die Konsequenzen illegalen Sprayens deutlich zu machen.

Zum Schutz von Zügen und Gebäuden setzt die DB Schutzlacke und Graffiti-
Schutzfolien ein. Außerdem werden Zugabstellanlagen mit Technik und
Personal bewacht. Gebäude erhalten zum Schutz neben Lackanstrichen so
genannte „Opferschichten“. Darauf lassen sich Graffiti leichter entfernen.
Allerdings muss die Schicht nach drei bis vier Reinigungen erneuert werden.
Eine stärkere Beleuchtung gefährdeter Bereiche im Zusammenhang mit
Videoüberwachung soll Sprayer zusätzlich abschrecken.


Eine weitere Maßnahme sind Kooperationen in der Fläche: Ehrenamtliche
Helfer betreuen Bahnhöfe in ihrer Nähe. Sie melden Schäden, führen selbst
kleinere Reparaturen aus und kümmern sich um die Sauberkeit der Station.
Dabei geht es nicht nur darum, die materiellen Schäden einzudämmen. Auch das subjektive Sicherheitsgefühl der Fahrgäste soll gesteigert werden. Denn Fahrgäste fühlen sich in beschmierten Zügen, Wartehallen und in Abteilen mit zerkratzten Scheiben unwohl.