Pünktlichkeit Teil 3 - Ein Zug auf 17 Bildschirmen

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Pünktlichkeit Teil 3 - Ein Zug auf 17 Bildschirmen

In dieser Episode verfolgen wir den Zug über leuchtende Bildschirme in den Betriebszentralen in Berlin und Hannover.

Es ist Dienstag früh, kurz nach sechs. Draußen wird es langsam hell, drinnen eigentlich nie richtig dunkel – in der Betriebszentrale (BZ) Berlin. Hier herrscht 24-Stunden-Betrieb, denn die Züge fahren rund um die Uhr. Auch wenn es nachts etwas ruhiger ist. Fahrdienstleiter (Fdl) Sebastian Schildberg sitzt bereits seit 30 Minuten an seinem Platz und hat die acht Bildschirme für seinen Bereich im Blick. Der 21-Jährige ist für diese Schicht der Herr über das Elektronische Stellwerk (ESTW) Ostbahnhof. Hier stellt er per Mausklick Weichen und Signale für alle Zugfahrten, die von der Übergabestelle Rummelsburg über den Ostbahnhof, Friedrichstraße und Hauptbahnhof (hoch) bis zur Übergabestelle Bahnhof Zoo unterwegs sind.

ICE 944 auf dem Bildschirm

„Gleich kommt er“, ruft der Fdl von Rummelsburg. Gemeint ist der ICE 944, der heute Morgen von Berlin Ostbahnhof bis Düsseldorf fahren soll. Der Kollege, der das ESTW Rummelsburg bedient, hat sogar elf Bildschirme vor sich. Schon wird der erste Abschnitt der Strecke auf dem Bildschirm rot, also belegt, und der ICE 944 fährt in den Bereich von Sebastian Schildberg. Er ist gut in der Zeit und soll zu Gleis 2 am Ostbahnhof fahren. „Die Reihenfolge der Züge, also wer zuerst fährt und wohin, wird durch den Netzfahrplan festgelegt. Im Normalfall fahren die Züge mit Zuglenkung. Aber es gibt natürlich auch Fälle, wo man mal eingreifen muss“, erklärt Schildberg. In solchen Ausnahmen erfolgt eine enge Abstimmung zwischen dem Fdl und dem Zugkoordinator.


Mit seinen acht Bildschirmen hat Sebastian Schildberg alles im Blick.

Auf dem ESTW Ostbahnhof sind zehn Kollegen geprüft, das heißt, sie dürfen es bedienen. Sie arbeiten hier im Drei-Schicht-Betrieb, sieben Stunden in der Früh-, sieben Stunden in der Spät- und zehn Stunden in der Nachtschicht. Für die Wochenenden haben sich die Kollegen ein Zwei-Schicht-System gewünscht. „Zwei Wochenenden im Monat arbeiten reicht“, sagt Schildberg. „Vor allem, wenn man Familie hat, möchte man ja nicht jedes Wochenende ran.“ Im Steuerbezirk 2 arbeiten insgesamt 55 Kollegen. Die Kollegen der Steuerbezirke 1, 2 und 3 sitzen in einem großen Raum zusammen, ihre Bildschirme sind wabenartig angeordnet. Mit anderen Stellwerken hat Schildberg kaum etwas zu tun; nur zu den Kollegen, deren Bereiche direkt an seinen angrenzen, hat er Kontakt. „Auf den Schnellfahrstrecken ist das anders, da hat man eher mal Kontakt mit den Kollegen“, so Schildberg. „Ich telefoniere zum Beispiel bei Verspätungen mit dem Triebfahrzeugführer. Da gebe ich dann im GSM-R die Zugnummer ein und kann direkt im Führerstand anrufen.“ Das GSM-R-Funkgerät ist ein kleiner grauer Kasten, der bei jedem Fdl auf dem höhenverstellbaren Bedientisch steht. Damit kann Schildberg Kontakt mit dem Lokführer aufnehmen, um Informationen durchzugeben.  

„Und Ostbahnhof hier, Moin!“

„Und Ostbahnhof hier, Moin!“ Schildberg meldet sich via GSM-R beim Kollegen, der mit seinem Regionalexpress kurz vorm Bahnhof Friedrichstraße ist und eine Minute Verspätung hat. Etwas problematisch, denn auf der Stadtbahn gebe es kaum Pufferzeiten. „Nicht, dass du dich erschrickst. Ich hab dir in Friedrichstraße einen 60er-Durchrutschweg eingestellt. Dann kannst du die eine Minute vielleicht wieder aufholen.“

Der nächste Gleisabschnitt der Fahrstraße wird rot, der ICE 944 hat den Ostbahnhof erreicht, weiterhin keine Verzögerungen. Gründe für Verspätungen sind häufig „Personen im Gleis“. „Das passiert mindestens einmal die Woche“, sagt Jürgen Drömer. Er sitzt direkt neben Schildberg und steuert den Bereich zwischen den Bahnhöfen Zoo und Westkreuz. „Dann muss erstmal alles anhalten. Wir versuchen immer die Züge in Bahnhöfen zurückzuhalten, damit die Reisenden zur Not aussteigen und anders weiterfahren können. Bei sowas kommen schnell 200 Verspätungsminuten zusammen.“ Ein anderer Grund für eine Verspätung kann fehlendes Kühlwasser sein oder eine Türstörung, die erst am Ostbahnhof bemerkt wird. Dann muss der Zug schonmal zurück nach Rummelsburg und fällt aus, sehr ärgerlich für die Reisenden. „Wir als DB sollten noch mehr an unsere Kunden denken. Bei eigenen Reisen ärgert man sich ja auch“, sagt Drömer und wendet sich wieder seinen Bildschirmen zu.

Schildberg, viele Bildschirme und das GSM-R.

Bahnsteigwende? Passt!

„Der 944 fährt jetzt ab“, sagt Schildberg und zeigt auf die Bereichsübersicht (BerÜ), wo sich ein Abschnitt nach dem anderen rot färbt. „Auf der Stadtbahn dürfen die Züge ja nur 60 km/h fahren, auch die Fernzüge.“ Plötzlich steht die Zugkoordinatorin neben seinem Tisch. „Der Fernverkehr hat eine Bahnsteigwende bestellt. Für den 903, der soll dann zum 371 werden. Um 9:35 Uhr, passt das?“ Schildberg überprüft die Gleisbelegung am Ostbahnhof und sieht eine Lücke. „Ja, passt“, sagt er und trägt den Zug ins System ein, um die Fahrstraße einzustellen. Warum die Wende bestellt wird, ist für ihn Nebensache. Und da kommt auch schon die schriftliche Meldung zur Umleitung des 903, Schildberg prüft nochmal die Kapazitäten auf seiner Strecke. „Passt alles, der Zug kann am Hauptbahnhof an Gleis 11 halten.“„Und Ostbahnhof hier, Moin!“ Routiniert meldet sich Schildberg wieder am GSM-R-Funkgerät. Ein Regionalzug, der eigentlich schon abgefahren sein sollte, steht noch am Gleis. „Ach, gerade schließen sich deine Türen? Na dann lass ich offen, dann fahr mal los.“ Gemeint ist die Fahrstraße, die für den Zug weiter auf Fahrt steht. „Und Ostbahnhof hier, Moin“, begrüßt Schildberg auch den Lokführer, der noch kurz mit der Einfahrt ins Gleis warten muss. „Geht gleich rein, da muss nur noch ein anderer raus.“ Ein weiterer Zug zeigt eine Verspätung von acht Minuten an, da wird es eng am Gleis. Schildberg delegiert den Regionalexpress kurzerhand zum Bahnsteig gegenüber. „Die Anzeige ändert sich automatisch am Bahnsteig, ich könnte auch nochmal anrufen, dass die Kollegen eine Durchsage machen.“

ICE 944 verlässt den Berliner Bereich 

Wieder meldet sich der Kollege aus Rummelsburg: „652 unten lang?“ – „Nee, oben lang, sonst krieg ich den nicht mehr rüber“, ruft Schildberg zurück. Er ist seit einem guten Monat in der BZ Berlin, vorher hat er ein Jahr in Schöneweide gearbeitet, wo er auch seine Ausbildung absolviert hat. Hier ist das Arbeiten digitaler, Schildberg verarbeitet zwischen 14 und 15 Züge pro Stunde, davon sind etwa zehn Regionalzüge. Das ESTW Ostbahnhof gilt als besondere Herausforderung, denn es gibt keine Abstellmöglichkeiten. Das Netz ist dicht befahren. Die einzige Möglichkeit gibt es kurz vor Rummelsburg, aber das hilft bei Zügen in Richtung Rummelsburg nur bedingt.

Nicole Bürgel, Sebastian Schildberg und Jürgen Drömer sitzen zusammen in einem Steuerbereich.

„Er verlässt jetzt unseren Bereich“, meldet Drömer. Damit ist der ICE 944 zwei Minuten vor der Zeit aus dem Steuerbereich der BZ Berlin gefahren und jetzt auf dem Weg nach Hannover. Der Bereich geht bis Oebisfelde, ab dann übernehmen die Kollegen aus Niedersachsen. Für Sebastian Schildberg und seine Kollegen aus dem Steuerbezirk 2 ist die Arbeit damit allerdings nicht getan – schon erscheinen die nächsten Züge auf ihren Bildschirmen und auch diese wollen pünktlich an ihr Ziel gebracht werden.

BZ Hannover: Sieben Minuten für den ICE 944

Ortswechsel: Betriebszentrale Hannover. Knapp zwei Stunden braucht der ICE 944 von Berlin nach Hannover. Doch Fahrdienstleiter Mark Achtmann in der BZ Hannover interessieren nur sieben Minuten dieser Fahrt. Es sind jene Minuten kurz vor Hannover, in denen der Zug bei ihm auf dem ersten der neun Monitore als Linie angezeigt wird, um nach sieben Minuten auf dem letzten der Monitore anzukommen – sprich: im Hauptbahnhof Hannover zu halten. Denn Achtmann ist als Fahrdienstleiter in der BZ Hannover in dieser Schicht für den Bereich Ost im Knoten Hannover verantwortlich. Alle Züge – ob Güter-, Nah- oder Fernverkehr –, die aus dieser Himmelsrichtung kommen, erscheinen bei ihm auf den Bildschirmen. Dort entsteht ein dichtes Netz aus grünen, gelben und roten Linien, Zahlen sowie roten Dreiecken, dessen Entschlüsselung für Achtmann und seine Kollegen Routine ist.

Vier Fahrdienstleiter für einen Bahnhof

Für den Knoten Hannover Hbf sind insgesamt vier Fahrdienstleiter pro Schicht verantwortlich. Denn mit 1.200 Zugfahrten pro Tag ist der Bahnhof der Landeshauptstadt Niedersachsen einer der meistfrequentierten Deutschlands. Und so schickt Achtmann, der seit fünf Jahren Fahrdienstleiter ist, im Minutentakt in seinem Bereich Züge in die Abstellung, lässt sie in den Bahnhof einfahren oder gibt den Technikern auf der Strecke die Sperrpausen durch, in denen sie gefahrlos an der Strecke arbeiten können. Kurzum: Er hat die Fahrstraßen aller Züge in seinem Abschnitt im Blick, stellt Weichen und Signale und reagiert bei Abweichungen vom geplanten Betriebsablauf. So auch für den ICE 944 aus Berlin. Dieser war vor Wolfsburg – im Bereich des Fahrdienstleiters Fallersleben – sogar überpünktlich auf der Strecke unterwegs. Denn die im Fahrplan einkalkulierten Arbeiten an der Linienzugbeeinflussung (LZB) fanden nicht statt, sodass der Zug 250 km/h und damit 90 km/h schneller als vorgesehen fahren konnte.

Fahrdienstleiter Marc Achtmann an seinem Arbeitsplatz.

Rotausleuchtung mit Auswirkung

Doch die überpünktliche Fahrt erhält im Bereich Immensen-Arpke kurz vor Lehrte einen Dämpfer. Hier muss der ICE 843 Richtung Berlin aufgrund einer Rotausleuchtung in einem Streckenabschnitt auf das Gegengleis ausweichen.

„Eine Rotausleuchtung ist eine Störung der Technik, wodurch ein Abschnitt für nachfolgende Züge durch ein rotes Signal gesperrt ist. Tritt dies ein, muss der Fahrdienstleiter sicherstellen, dass wirklich kein anderer Zug in dem Abschnitt ist und kann ihn erst dann wieder für nachfolgende Züge freigeben“, erklärt der Fachmann. 

Alles anders durch Großbaustelle Königstraße

Doch in diesen Tagen ist alles anders am Hauptbahnhof Hannover: Durch die Bauarbeiten an der Eisenbahnüberführung Königstraße ist dieser aus Richtung Osten nur über ein Gleis erreichbar. Deshalb sollen laut Plan der „Wolfsburger“ und der Fernverkehr, in diesem Fall: der ICE 944, nacheinander am selben Bahnsteiggleis – Gleis 14 – halten. Allerdings steht dort derzeit noch die verspätete S-Bahn, die für den Pendelverkehr zwischen Lehrte und Hannover Hbf aufgrund der Bauarbeiten eingesetzt wird. Deshalb greift Achtmann nun doch lieber zum Hörer, ruft den Triebfahrzeugführer des ICE 944 an und bittet ihn, das Tempo auf den letzten Kilometern vorm Bahnhof zu drosseln. „Wie viel Züge es tatsächlich sind, merken wir häufig erst, wenn es eine Störung gibt und wir umdisponieren müssen", so der 29-Jährige. 

Blick auf den Bildschirm

 

Umdisponieren auf Zuruf

Kurz darauf ruft die Kollegin der Betriebsüberwachung, die über die Betriebsabläufe am Hauptbahnhof Hannover entscheidet, Fahrdienstleiter Achtmann zu, dass der „Wolfsburger“ auf Gleis 13 ausweichen kann. Damit sind die drei Züge wieder sortiert: Der „Wolfsburger“ hält auf Gleis 13, die S-Bahn fährt aus und macht Gleis 14 frei: Dort fährt nun der ICE 944 ein. Fazit des Fahrdienstleiters Achtmann: pünktlich in Hannover! Die 1,5 Minuten Verspätung, die auf dem Bildschirm des Lokführers angezeigt werden, spielen für ihn keine Rolle. Alles, was unter 5:59 Verspätungsminuten bleibt, gilt für die Fahrdienstleiter als pünktlich. Damit endet für Marc Achtmann seine Tätigkeit für diesen Zug und er kann sich den nächsten Zügen widmen. Die Ausfahrt des ICE 944 tiefer in den Westen der Republik übernimmt der Fahrdienstleiter Hannover West, der ihn weiter an den Fahrdienstleiter Seelze und anschließend weiter über die Betriebsstellen Stadthagen, Löhne an die BZ Duisburg übergibt. Und so flimmert die Fahrstraße des ICE 944 nach und nach noch über viele Bildschirme bis zu seiner Endstation in Düsseldorf.


Die große Pünktlichkeits-Reportage – Weitere Folgen:

1: Bereitstellung im Werk Rummelsburg: Aus zwei wird eins

2: Im Führerstand beim Lokführer: Am Ende geht es um Sekunden

3: Betriebszentralen Berlin-Pankow und Hannover: Ein Zug auf 17 Bildschirmen

4: An Bord mit der Zugchefin: „Vorsicht, Türen schließen“

5: Netzleitzentrale Frankfurt am Main: Top im Plan, sagt die Netzleitzentrale

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