Pünktlichkeit Teil 4 - An Bord mit der Zugchefin: „Vorsicht, Türen schließen“

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Pünktlichkeit Teil 4 - An Bord mit der Zugchefin: „Vorsicht, Türen schließen“

In dieser Episode schauen wir der Zugchefin über die Schulter.

07:10 Uhr am Berliner Ostbahnhof. Die Fahrgäste fangen an zu rennen. Der ICE 944 mit der Strecke Berlin–Düsseldorf fährt ein. 12 Minuten vor Abfahrt kommt der Zug an, wie geplant. Im ICE-Werk Berlin Rummelsburg hat alles geklappt. So früh am Morgen sind viele Pendler unterwegs. Sie sind es vermutlich, die Richtung 1. Klasse hasten, um einen Sitzplatz zu ergattern. Denn bis Wolfsburg wird eine hohe Auslastung erwartet. Darauf weist auch die neue Anzeige auf bahn.de und im DB Navigator mit orangener Farbe und Ausrufezeichen hin.

Screenshot bahn.de

Trotz seines passenden Namens „Hamm (Westf.)“ wird der ICE heute nicht dort geteilt. Wegen der aktuellen Baustelle bei Bielefeld wird für die meiste Zeit in diesem Jahr auf eine Teilung verzichtet, um Zeit zu sparen. Denn auch Bauarbeiten zwischen Hannover und Berlin sorgen aktuell für längere Fahrzeiten: Das alte Sicherungssystem wird dort gegen eine neue Generation der Linienzugbeeinflussung (LZB) getauscht. Diese hat den Vorteil, dass sie im Störfall schneller entstört werden kann als der Vorgänger aus den 90er Jahren.  

„Alles schick?“

Im ICE machen sich die Borgastronomen sofort daran, Küche und Bordrestaurant vorzubereiten. „Es soll ja schön sein. Die Gäste kommen gleich.“ Daniela Härter zieht die Tischdecke glatt. Jeder Handgriff sitzt. Ein paar Minuten später beziehen auch Zugchefin Simone Brendel-Köhler und Zugbegleiterin Yvonne Weihrauch den Dienstraum. Erste Tat der Chefin: das Personal erfassen. Recht eng ist es in diesem Raum. Aber im Vergleich zu anderen sei der regelrecht komfortabel, stimmen sich die beiden Kolleginnen lachend zu. Sie wirken vertraut, dabei haben sie sich erst letzte Woche kennengelernt. „Die Chemie stimmt einfach“, sagt Weihrauch fröhlich. „Und außerdem sind wir doch alle eine Eisenbahnerfamilie“, ergänzt Brendel-Köhler. Eine knappe Zehn-Stunden-Schicht haben sie heute vor sich – vorausgesetzt, die Fahrt verläuft ungestört.

Zugchefin

 

Pfiff und Abfahrt

Vor Abfahrt erkundigt sich die Zugchefin bei Lokführer Christian Sternberg per Bordtelefon, ob „alles schick“ ist und prüft damit auch die Sprechverbindung zum Cockpit. Anschließend gibt sie dem zuständigen Fahrdienstleiter in der Betriebszentrale in Berlin-Pankow Bescheid. Das ist bei der ersten Abfahrt notwendig, wie auch bei regulärer Fahrt nach der Zugteilung in Hamm. Dass sich anders herum der Fahrdienstleiter über die Verkehrsleitung melde, komme selten vor, sagt Brendel-Köhler. „Neulich war das der Fall, da wurden wir langsam, als ein anderer Zug vorgelassen wurde.“ Dann erhält der Lokführer die Nachricht aus der Verkehrsleitung und gibt sie an die Zugchefin weiter. So kann sie die Reisenden bestmöglich über Auswirkungen informieren.Simone Brendel-Köhler steigt aus, läuft Richtung Zugmitte und pfeift. Erst kürzlich wollte sie jemand verklagen, weil der Pfiff zu laut gewesen sei. Das sind die eher sonderbaren Begegnungen mit Kunden. Per Fernschließbefehl lässt sie die Türen schließen und steigt ebenfalls ein, nachdem Zugbegleiterin Weihrauch und die anderen Kollegen des zweiten Zugteils ihr Signal per Kelle gegeben und auch ihre Türen geschlossen haben. Als sie auch dem Lokführer "Zug 944 abfahren" per Bordtelefon angewiesen hat, rollt der ICE los.

Zugchefin Simone Brendel-Köhler wartet auf die Signale ihrer Kollegen.

PlanStart spart Wege und Zeit

Während sie durchs Bordrestaurant zurück zum Dienstraum geht, erkundigt sie sich bei den Bordgastronomen nach der Lage: „Wie ist es bei euch? Alles ganz?“ Fröhliches Zustimmen der Kollegen. Dass im Zug nicht „alles ganz“ ist, erfährt Brendel-Köhler wenige Minuten später. Die Zugchefin für beide Zugteile wird von Servicechef Maik Köwel angerufen. Das ist der Zugchef des zweiten Zugteils, der aber in dieser Funktion nicht aktiv ist, wenn die beiden Zugteile vereint unterwegs sind. Köwel wundert sich, dass keine Durchsage erfolgt sei. Nach ein paar Tests ist klar: Die Durchsagen des vorderen Zugteils sind im hinteren nicht zu hören, wohl aber die des hinteren im gesamten Zug. Die Zugchefin legt fest: Maik Köwel übernimmt fortan alle Durchsagen. Dass die Kommunikation zwischen den Zugteilen nicht fehlerfrei funktioniere, komme hin und wieder mal vor, erklärt Brendel-Köhler gelassen.Jedes Mal, wenn alle Türen geschlossen sind, gibt Simone Brendel-Köhler dem Lokführer per Bordtelefon ein Zeichen, dass er losfahren kann. Als Zugchefin ist sie ihm in diesem Punkt weisungsberechtigt. „Früher mussten wir auf einer Säule einen Knopf drücken.“ Hin- und Rückweg zur Säule spart man sich nun. Das ist eine von vielen Maßnahmen des neuen Abfertigungsverfahrens im Rahmen von PlanStart, der Konzerninitiative zur Einhaltung der planmäßigen Abfahrt. Insgesamt können so neun Sekunden eingespart werden. PlanStart macht hier genaue Vorgaben: Eine halbe Minute vor planmäßiger Abfahrt setzt die Zugchefin den Pfiff ab – Vorschrift erfüllt.

Alle dürfen rein

Beim Halt in Berlin Hauptbahnhof strömen Massen von Kunden in den Zug. Ruhig beantwortet Brendel-Köhler dabei noch Fragen, etwa nach bestimmten Wagennummern. Während der automatischen Bandansage „Vorsicht, Türen schließen“ kommen noch Fahrgäste angerannt. Brendel-Köhler bleibt cool. Als alle drin sind, pfeift sie und schließt die Türen. Sie wirkt äußerst routiniert. Seit 25 Jahren ist sie dabei, Weihrauch, ihre heutige Kollegin, seit 2016.

Berlin Hauptbahnhof: Kurz vor der Abffahrt kommen noch Fahrgäste angerannt

Nächster Halt: Berlin Spandau. „Wir haben -3“, sagt Weihrauch. Der Zug ist vor der planmäßigen Zeit in Spandau angekommen. Die Kolleginnen sind positiv überrascht. Puffer kann nie schaden. Die Zugchefin steigt aus. Die Konstruktion des Bahnsteigs sei für ihre Arbeit von Vorteil, erklärt sie: Er sei gerade und biete gute Einsicht über die gesamte Zuglänge. Bei mehrfach gebogenen Bahnsteigen müsse sie schon mal hin und herhasten, um die Signale ihrer Kollegen zu erkennen. Für die Pünktlichkeit ein Unsicherheitsfaktor.

Gut gefüllt lohnt sich

Nächster Pfiff. Der Zug verlässt Berlin. Bis zum nächsten Halt in Wolfsburg ist es noch eine knappe halbe Stunde. Zeit für die Fahrkartenkontrolle und das Zählen freier Sitzplätze. Ein erster grober Check durch die Zugchefin verrät: „Der Zug ist heute gut gefüllt. Auch in der 1. Klasse. Das lohnt sich für die Bahn.“ Brendel-Köhler und ihre Kollegin teilen sich für die Kontrolle und das genaue Zählen auf. Während die Zugchefin nach vorne geht und dabei über den einen oder anderen Fuß im Gang steigt, zählt sie freie Sitzplätze. „-25“ schreibt sie sich auf. Das heißt, 25 Sitze sind aktuell unbesetzt. Ein Kunde findet seine vorläufige BahnCard nicht. Simone Brendel-Köhler bleibt geduldig. Obwohl er einige Minuten braucht, seine Karte zu finden, klärt die Zugchefin ihn noch über die Prozesse auf – Gültigkeit der vorläufigen, Versand der „echten“ BahnCard. Es ist 8:04 Uhr: Laut Pünktlichkeitsanzeige auf bahn.de liegen sie gut in der Zeit.

Ticketkontrolle

Zugbegleiterin Yvonne Weihrauch geht währenddessen von hinten nach vorne durch. Die Fahrgäste in der 1. Klasse zeigen zügig ihre Tickets. Danach kontrolliert sie im Bordrestaurant. Zwei reservierte Tische sorgen für Aufmerksamkeit bei den Fahrgästen, die sich nach der Reservierungshotline erkundigen. Weihrauch googelt selbst; mit der aktuellen WLAN-Verbindung dauert das etwas. „Zu Hause sind Sie schneller“, lacht sie und sagt die Telefonnummer an, die sie schließlich auf bahn.de gefunden hat. Im Gang und an den Türen sitzen Geschäftsreisende mit ihren Laptops. Auch das Kleinkindabteil ist von ihnen besetzt. Fast alles Männer. Auch Weihrauch geht auf ihrem Kontrollweg mit Kunden immer wieder auf BahnCard-Suche.

Süßes für die Reise

Schnellen Schrittes schreitet Bordgastronomin Petra Tiedke mit einem Tablett Gummibärchen vorbei. Wegen der Bauarbeiten entlang der Strecke und der deshalb längeren Fahrzeit bekommen die Gäste eine Aufmerksamkeit. Den 2.-Klasse-Gästen wird die Reise mit Gummibärchen, wie sie sagt, „versüßt“, den 1.-Klasse-Gästen mit Oreo-Keksen.In Wagen 23 treffen sich Zugchefin und Zugbegleiterin schließlich. Kurz vor Wolfsburg streben die Fahrgäste nun zahlreich Richtung Ausgang. Es ist 08:35 Uhr. Der Zug erreicht Wolfsburg 14 Minuten früher als geplant. So kann es auch mal gehen. Abgefahren wird dennoch nach Plan, der ICE hat also etwas Aufenthalt. Mit Jacken bekleidet stehen die beiden Kolleginnen wenig später auf dem Bahnsteig. Es ist kalt und windig.

Zugbegleiter am Bahnsteig

Heute mal mehr Haltezeit

Der Puffer, der für die Zeit während der Baustelle zwischen Wolfsburg und Berlin geplant war, musste heute nicht ausgeschöpft werden. Eine einberechnete Geschwindigkeitsverringerung war vermutlich durch ausgesetzte Baumaßnahmen nicht notwendig. Genaueres weiß das Zugpersonal nicht. 18 Minuten Haltezeit sind entstanden. „Ein wenig Zeitreserve ist nicht schlecht“, meint Brendel-Köhler. Der Fahrplan sieht für Hauptbahnhöfe regulär vier Minuten vor. „Das geht wohl nicht anders“, sagt Weihrauch. „Wir wollen so viele Fahrten wie möglich anbieten. Da muss die Taktung eng sein.“ Tatsächlich sind diese Halteminuten meistens ausreichend.Falls einmal eine größere Gruppe von Reisenden länger zum Einsteigen braucht oder Fahrgäste auf die letzte Sekunde zum Zug eilen, muss dieser am Bahnhof eben später als geplant abfahren. Am nächsten Halt kann er trotzdem noch planmäßig ankommen. Denn der Planer für den Grundfahrplan rechnet neben Haltezeiten und Fahrzeiten auch sogenannte Qualitätspuffer für beispielsweise Türstörungen und einen pauschalen Bauzuschlag mit ein.

Auf die Situation reagieren

So oder so: Der Kunde erwartet eine dem Fahrplan entsprechende Abfahrt. Für den Umgang mit Verzögerungen am Bahnsteig gibt es daher konkrete Regelungen. Wenn ein Fahrgast sprintend eine Tür ansteuere, so Brendel-Köhler, könne er noch mitgenommen werden. „Auch bei einer Traube von Menschen warte ich, bis alle eingestiegen sind, sofern es die Kapazität zulässt.“ In der Regel gingen dabei nicht mehr als zwei bis drei Minuten verloren, so die Zugchefin.

Zugchefin Simone Brendel-Köhler

Im „Zugbegleiterheft“, dem Regelwerk für Zugbegleiter schlechthin, ist festgehalten: "Die Außentüren dürfen erst geschlossen werden, wenn die Reisenden aus- und eingestiegen sind." Aber es heißt dort auch: "Das Abstimmen des Abfertigungsverfahrens auf den Fahrgastwechsel bedeutet nicht, dass noch auf einzelne zulaufende Reisende gewartet werden muss, wenn die Voraussetzungen zur planmäßigen Abfahrt [...] gegeben sind." Die Formulierung lässt also durchaus eine individuelle Reaktion des Zugchefs auf die Situation zu.

Letzte Etappe nach Hannover

Eine halbe Minute bis Abfahrt von Wolfsburg Hauptbahnhof: Pfiff. Brendel-Köhler steigt ein, weist per Bordtelefon die Abfahrt an und hält inne. Mit ruhigem Blick schaut sie aus dem Fenster. Sie hält eine BahnCard in der Hand. „Ich muss gleich zurück zur Kundin. Abgelaufen im Januar, das kam mir doch ein bisschen zu lange her vor. Aber eine neue ist tatsächlich auf dem Weg.“ Und weiter geht’s.Nach der Fahrkartenkontrolle kommt die Zugchefin mit zwei Kaffeebechern zurück in den Dienstraum. Eine seltene Möglichkeit für die beiden, sich hinzusetzen. Mit Yvonne Weihrauch gleicht sie die gezählten freien Sitzplätze ab. Erwartungsgemäß war der Zug bis Wolfsburg gut gefüllt, auch wenn einige Sitzplätze leer geblieben sind.Kurz vor Hannover steckt ein Fahrgast seinen Kopf in den Dienstraum und meldet, dass ein antiquarisch aussehendes Buch auf einem Sitz vergessen wurde. Dafür hat das Bordpersonal erst einmal keine Zeit, denn der Zug erreicht Hannover Hauptbahnhof. Die Uhr im Großraumdisplay zeigt 09:29 Uhr. Geschafft: Der Zug ist offiziell pünktlich. Wenn auch mit einer Minute hinter Plan. Bis zur Abfahrt bleiben also drei Minuten. Die Fahrgäste strömen auf dem Bahnsteig in alle Richtungen. Als das Treiben langsam beginnt, sich zu lichten, ertönt der bekannte Pfiff. Für uns endet die Fahrt hier, die Zugchefin und ihre Zugbegleiterin fahren weiter nach Düsseldorf. Wie immer mit einer Mischung aus Routine und Überraschung, aber vor allem im Sinne des Kunden, im Sinne der Pünktlichkeit.  

Die große Pünktlichkeits-Reportage – Weitere Folgen: 

1: Bereitstellung im Werk Rummelsburg: Aus zwei wird eins

2: Im Führerstand beim Lokführer: Am Ende geht es um Sekunden

3: Betriebszentralen Berlin-Pankow und Hannover: Ein Zug auf 17 Bildschirmen

4: An Bord mit der Zugchefin: „Vorsicht, Türen schließen“

5: Netzleitzentrale Frankfurt am Main: Top im Plan, sagt die Netzleitzentrale


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