„Wenn ich einen Zug sehe, kribbelt es schon noch in den Fingern“

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„Wenn ich einen Zug sehe, kribbelt es schon noch in den Fingern“

Lokführerin ist kein typischer Frauenberuf. Gänzlich ungewöhnlich war er in den 60er Jahren. Heute tauscht sich Erika Blümel (80) mit ihrer Urenkelin aus, die im selben Job arbeitet.

Seit vielen Jahren schon steht Erika Blümel nicht mehr zu allen Tages- und Nachtzeiten auf, um ihre Schicht als Lokführerin anzutreten. 80 ist sie im Sommer geworden, mit 55 fuhr sie zum letzten Mal einen Güterzug über das riesige Werksgelände der damaligen Lausitzer Braunkohle AG (LAUBAG) bei Hoyerswerda in Sachsen. Aber die Erinnerungen an Jahrzehnte auf der Lok sind noch sehr lebendig. Und wenn sie erzählt, hat die alte Dame eine ganz besonders begeisterte Zuhörerin: Urenkelin Sarah Mohr (21) hat gerade ihre dreijährige Ausbildung zur Lokrangierführerin am brandenburgischen Rangierbahnhof Seddin beendet und brennt für ihren Job.

Es gibt viele Technikgespräche, die Themen reichen von Signalen über Stromabnehmer bis hin zur Bedienung der zig Tonnen schweren Loks – Uroma und Urenkelin sind beide eingefleischte Eisenbahnerinnen. Mit einem Seufzen lehnt sich Erika Blümel im Sofa zurück: „Also wenn ich heute einen Zug sehe, dann kribbelt es schon noch in den Fingern.“

Während des Gesprächs ist häufig „bei uns ist das heute anders“ und „wie war das bei Dir?“ zu hören. Erika Blümel erinnert sich auch an schwierige Zeiten, an Ängste, wenn die Kohle auf die Kuppelschläuche zwischen Wagen krachte, oder sich auch mal ein Waggon selbständig machte. „Heute ist der Eisenbahnbetrieb deutlich sicherer“, beruhigt dann Sarah die 80-jährige.

„Auch mein Ur-Großvater, mein Opa und mein Vater sind Lok gefahren“ so die 21-jährige, „für mich war immer klar, dass ich auch mal einsteige.“ Erika Blümel sagt, sie habe keinen Einfluss auf die Berufswahl genommen. „Das war Sarahs Entscheidung“. Aber dass sie dennoch Einfluss hatte, das steht außer Frage. Die beiden telefonieren täglich! Und vor jeder Prüfung während der Ausbildung machte Erika Blümel ihrer Urenkelin Mut.

Als sie nun gerade erzählen will, wie stolz sie auf ihre Urenkelin ist, stockt Erika Blümel plötzlich und hat Tränen in den Augen. „Ach Omi, ich weiß doch“, sagt Sarah leise - und streichelt den Arm der alten Dame.

Sarah ist heute eine von zwei Lokrangierführerinnen unter insgesamt 416 Kollegen. „Kein Problem“, sagt sie, „ich fühle mich gut aufgehoben und komme mit den Männern gut zurecht. Während der Ausbildung hatte ich sogar das Gefühl, sie wollten mich manchmal beschützen.“ Das war bei Erika Blümel anders: „Da gab es immer wieder Kommentare, eine Frau würde das nicht hinbekommen. Da muss man sich erstmal durchsetzen.“

Erika Blümel wollte eigentlich Schneiderin werden, doch die Mutter – selbst auch Eisenbahnerin und verantwortlich für die Drehscheibe auf dem Werksgelände, setzte eine Schlosserlehre durch. Erika Blümel war damals 14. Es folgte eine Zusatzausbildung zur Schweißerin, und als sie noch keine 18 war, fuhr sie „mit der kleinen Lok, die hatte nur 42 Tonnen“ los, wenn es Schweißarbeiten an Gleisen zu erledigen galt. Später folgten dann die Lokführerprüfungen und die bis zu einstündigen Fahrten zu den Gleisanschlüssen der Reichsbahn.

Bei der Übergabe der Werkszüge mit 16 beladenen Wagen lernte sie auch ihren Mann kennen – einen waschechten Reichsbahner. Gottfried Blümel, der inzwischen verstorben ist, fuhr noch Dampflok. Auch der gemeinsame Sohn Dietmar und in der nächsten Generation Sarahs Vater verbrachten später Berufsjahre im Führerstand.

Sarahs Ur-Ur-Großmutter mit eingerechnet, ist sie nun in der 5. Generation Bahnerin. Und eine sechste Generation könnte sich im wahrsten Sinne des Wortes „anbahnen“: Sarahs Freund Etienne Vierk (28) arbeitet als Gruppenleiter am Rangierbahnhof in Seddin. In der Berufsschule in Berlin haben sich die beiden vor einigen Jahren kennen- und lieben gelernt. Und auch Etienne sitzt inzwischen gerne bei Erika Blümel in Hoyerswerda im Wohnzimmer und führt Gespräche über Baureihen und Joballtag.

Einen Wunsch hätte sie da schon noch, sagt Erika Blümel auf die Frage, was „die Bahn“ für sie heute bedeute: „Einmal vorne im ICE mitfahren. Das wäre was!“.