„Jetzt mal ab auf die Bühne“

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„Jetzt mal ab auf die Bühne“

Frauen bei der Deutschen Bahn arbeiten in vielfältigen Berufen. Wir haben mit Manuela Herbort gesprochen. Als Konzernbevollmächtigte für Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bremen, ist sie weit oben auf der Karriereleiter – im IL-Bereich allerdings allein unter Männern. Ein Interview über Gleichberechtigung, Selbstvertrauen und warum Frauen sich bei der Karriere mehr zutrauen sollten.

Frau Herbort, Sie sind in Ihrer Funktion als Konzernbevollmächtige auf der Karriereleiter schon ziemlich weit oben angekommen. Können Sie rückblickend sagen, ob Sie es schwerer hatten als ein Mann, zum Beispiel um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen?

Ob ich es schwerer hatte kann ich gar nicht sagen, aber eine Karriere mit Kindern ist schon eine besondere Herausforderung, weil einfach zwei wichtige Dinge im Leben unter einen Hut gebracht werden müssen. Dieser Balanceakt ist nach wie vor anstrengend, und nach meinem Erleben betrifft er auch heute noch überwiegend Frauen. 

War für Sie von vorneherein klar, dass Sie Karriere machen wollen oder hat es sich eher im Laufe Ihrer Tätigkeit für Sie ergeben, dass Sie gern weiterkommen möchten?

Karriere war nicht mein Berufsziel und hat auch nicht meine Tätigkeit geprägt. Mich hat immer geleitet, die Aufgaben, die mir übertragen wurden, verantwortungsvoll, mit hoher Qualität und sehr selbständig zu machen. Und ich glaube, dass diese Grundeinstellung sehr wertvoll für die Option „Karriere“ ist. Ein weiterer wesentlicher Punkt ist, dass Frauen mit dem, was sie tun, sichtbar sein müssen. Das ist wichtig, um gesehen, um wahrgenommen zu werden.

Wie geht das genau mit dem Sichtbarsein und Sichtbarwerden? Da haben ja viele Frauen ein „Problem“ mit, dass sie unglaublich viel machen und leisten, aber nicht unbedingt auch darüber sprechen.

Dinge, die man gut und kompetent macht, sollten „ins Schaufenster gestellt werden“. Oftmals ist es so, dass Frauen exzellente Arbeit leisten und tolle Ergebnisse produzieren, diese aber nicht mit ihnen verbunden werden. Die eigene Leistung muss auch ein stückweit vermarktet werden. Ich hatte Förderer, die mich bei diesem Prozess unterstützt haben. Sie haben mich ermuntert, an meiner Sichtbarkeit zu arbeiten und gesagt: „Jetzt mal ab auf die Bühne!“ Anfangs habe ich mich damit auch durchaus schwer getan. Aber Übung macht den Meister oder eben die Meisterin.

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel? Was war ein Thema, mit dem Sie das erste Mal auf die „Bühne“ gegangen sind?

Ich kann mich an eine Situation als Mitarbeiterin in einem Projekt erinnern. Mein damaliger Chef sagte, es gebe eine größere Veranstaltung, bei der auch unser Projekt vorgestellt werde und er möchte gern, dass ich das tue. Ich muss gestehen, dass ich zum damaligen Zeitpunkt nicht sofort gesagt habe, ja klar, kein Problem. Aber ich habe mich überwunden und es am Ende auch gut gemacht. Diese Erfahrung war sehr wichtig für mich und ich bin meinem damaligen Chef sehr dankbar dafür, dass er mich „geschubst“ hat. Bei Karrieren ist es oftmals so: Es gibt Menschen, die Türen aufmachen, aber erfolgreich durchgehen muss jede:r selbst. 

Vergangenes Jahr hatten wir auf DB Planet rund um den Frauentag am 8. März auch mehrere Beiträge zu dem Thema. Und eine Kollegin hat in den Kommentaren geschrieben, ganz ähnlich, wie Sie es gerade auch beschrieben haben, sie sei mehr oder weniger überredet worden, sich auf eine Stelle zu bewerben. Haben Sie auch schon mal Kolleg:innen sanft geschubst?

Meine ersten Karriereschritte haben ja auch ähnlich funktioniert. Ich hatte Kollegen in meinem Umfeld, die mich ermuntert haben, den nächsten Schritt zu gehen. Weil ich weiß, wie hilfreich das war, versuche ich, diese Erfahrung weiterzugeben. Und ich habe schon einigen Frauen den Ratschlag gegeben, wenn ihnen eine Chance angeboten wird: Zuerst und spontan „Ja“ sagen. Strategien überlegen, wie man dieses „Ja“ in die Tat umsetzt, kann man dann immer noch. Wichtig dabei ist, die Kraft und Energie dareinzusetzen, das „Ja“ umzusetzen. Nicht die Energie für Zweifel verschwenden, wie: Kann ich das? Blamiere ich mich nicht vielleicht?

Kommen wir mal zu Ihrer Position als Konzernbevollmächtigte bei der DB. Sie sind die einzige Frau unter neun männlichen Kollegen, die diese Position auch innehaben. Dazu zwei Fragen: Wie ist das bei Ihrer täglichen Arbeit. Spielt Ihr Frausein eine Rolle? 

Ja, das stimmt. Ich bin die einzige Konzernbevollmächtigte. In meiner täglichen Arbeit vor Ort spüre ich davon nichts. Dieses „Alleinstellungsmerkmal“ gilt es aber zu ändern und daran arbeiten wir alle.

Genau zu diesem Thema ging dieser Tage eine Presseinformation der DB heraus, in der das Ziel von 30 Prozent Frauen in Führungspositionen bis 2024 formuliert ist. Wann wird es so sein, dass wir nicht mehr über Quoten sprechen müssen, sondern es ganz selbstverständlich ist, dass Frauen auch in Führungspositionen sind?

Ich finde es sehr wichtig, dass wir mit messbaren Zielen, wie etwa einer Frauenquote, arbeiten. Das setzt einfach auch Zeichen. Mindestens genauso wichtig ist es aber, dass weibliche Talente auf allen Ebenen gefördert werden, damit wir das Potenzial bekommen, die 30 Prozent Frauen in Führungspositionen zu erreichen. Es ist wichtig, dass Voraussetzungen auf allen Ebenen geschaffen werden, damit dieser Weg für Frauen viel selbstverständlicher wird. Ich denke, dass es in meiner aktiven Zeit noch ein Ringen um Vielfalt und Frauenförderung geben wird. Aber meine Tochter beispielsweise, die gerade am Anfang ihrer beruflichen Entwicklung steht, gehört schon zu einer neuen Generation von Frauen, die dazu beitragen, dass es normaler wird. Und: Es gibt ja auch eine neue Generation von Männern. Und das gibt mir die Hoffnung, dass sich einiges ändern wird.

Wenn Sie jetzt an Ihren Führungsstil denken, können Sie hier Dinge benennen bei denen Sie sagen, die machen Sie komplett anders als ein Mann?

Ich finde das ganze Thema „Führen Frauen anders als Männer“ schwierig. Es gibt ja nicht den Frauenstil und den Männerstil. Es hängt immer von der Persönlichkeit ab. Ich führe, wie ich es als Mensch für richtig halte. Ich würde es aber nicht als typisch weibliche Führung bezeichnen. 

Machen wir mal ein bisschen weiter mit Zahlen: Untersuchungen zeigen, dass sich Frauen erst auf eine Position bewerben, wenn sie 80 bis 100 Prozent des Profils erfüllen. Männer bewerben sich oftmals bereits bei einer Passung von 20 Prozent. Machen Frauen da wirklich etwas falsch?

Frauen reflektieren sehr genau, was sie können. Sie möchten gern möglichst viel schon mitbringen. Niemand geht davon aus, dass tatsächlich jemand auf die Stelle kommt, der zu 100 Prozent passt und alles schon kann. Wenn sich jemand zu 50 Prozent in einem Stellenprofil wiederfindet und sich daraufhin bewirbt, ist das eine gute Basis. Wenn ich als Bewerber:in dann auch noch die Bereitschaft und das Zutrauen mitbringe, den Rest zu lernen, dann ist das eine gute Voraussetzung, sich auf einen Job zu bewerben. Diese Bereitschaft muss ich natürlich in mir tragen und eben auch die Bereitschaft, mal einen etwas schwierigeren Weg einzuschlagen. Karriere machen und zu Führen ist ja nicht unbedingt ein Waldspaziergang, sondern auch anstrengend. Wenn sich eine Kollegin dafür entschieden hat, dann muss sie nicht schon von vorneherein die 80 oder 100 Prozent eines Jobprofils abdecken. Was sie noch nicht kann, kann sie lernen und wo sie Unterstützung braucht, da kann sie sich Unterstützung holen.

Ist es in Ihren Augen wichtig, den Frauentag zu begehen? Sollte es in gleicher Weise auch einen Männertag geben?

Solange sich in den Unternehmen beziehungsweise Führungsebenen die Balance zwischen Männern und Frauen so verhält, wie wir es aktuell sehen, finde ich es gut und wichtig einen Frauentag zu haben und die Dinge, die wir gerade auch besprochen haben zu thematisieren. Wir brauchen einen Modernisierungsschub, was Gleichstellung, Chancengleicht und Vielfalt angeht, weil das der Motor für Entwicklung und Erfolg ist.