Blick ins Instandhaltungswerk: Nachtschicht nach Fahrplan

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Blick ins Instandhaltungswerk: Nachtschicht nach Fahrplan

Kaum sind die letzten Fahrgäste ausgestiegen, wird die ICE-Flotte über Nacht fit gemacht. Auch dabei ist der Fahrplan eng getaktet, zeigt ein Blick ins neueste Instandhaltungswerk der Deutschen Bahn in Köln-Nippes.

Im Juni 2018 wurde im Kölner Stadtteil Nippes das modernste Instandhaltungswerk der DB in Betrieb genommen. Und seitdem ist Sonja Askew als Leiterin Bereitstellung und Instandhaltung die Standortchefin. Sie steht an der Spitze eines Teams technischer Fachkräfte, die jede Nacht die schnellen Züge von außen und innen auf Herz und Nieren prüfen, reinigen, reparieren und frühmorgens pünktlich auf die nächste Fahrt schicken.

Dabei muss jeder Handgriff zuverlässig sitzen, ähnlich wie beim Boxenstopp auf der Autorennstrecke. Sicherheit, Qualität und Komfort für die Bahnkunden stehen im Mittelpunkt. Und noch etwas zählt: absolute Pünktlichkeit. Das wird jetzt noch wichtiger als bisher. Künftig sollen Züge im „Deutschlandtakt“ unterwegs sein: „Wir werden den Fernverkehr zwischen den großen deutschen Metropolen konsequent im 30-Minuten-Takt fahren lassen“, sagt DB Personenverkehrsvorstand Berthold Huber.

Strenge Kontrollen von allen Seiten

Den Anfang beim deutschen Halbstundentakt wird die City-Verbindung zwischen der Hafenstadt Hamburg und der Hauptstadt Berlin machen, kündigt Huber an. Für den Halbstundentakt werden mehr Züge gebraucht. Sie legen mehr Kilometer zurück und benötigen dementsprechend mehr Wartung, Inspektionen und Reparaturen.

Doppelte Leistung in einer Nacht – wie geht das?

 „In einem ICE-Instandhaltungswerk der Deutschen Bahn ist die ideale Situation ähnlich wie beim Boxenstopp auf der Autorennstrecke. Jede Sekunde zählt und jeder im perfekt trainierten Team erfüllt seine Aufgaben im richtigen Takt“, sagt Christian Dittmer-Peters. Als Partner bei der Managementberatung Porsche Consulting haben er und sein Expertenteam die Bahn dabei unterstützt, im Kölner Werk ein wichtiges Ziel zu erreichen: Acht statt vier ICE-Züge können jetzt in einer Schicht gewartet werden. „Verbesserte Planung und Steuerung mit digitaler Unterstützung, einheitliche Kommunikation sowie intensives Training aller Beteiligten führen zum verbesserten Zusammenspiel des Personals und zu besserer Auslastung der Ressourcen. Durch klare Visualisierung sind die Werkstattabläufe nun für jeden sichtbar“, sagt Dittmer-Peters. Das wichtigste sichtbare Ziel dabei: Sobald ein ICE fertig ist, macht er das Gleis frei für den nächsten Zug. Motto: Keine kostbare Zeit in der „Box“ verschwenden, schnell wieder auf die Strecke – wie beim Autorennen.

Hohe Transparenz, doppelte Frequenz

Da kommen das Instandhaltungswerk Köln und die acht weiteren Instandhaltungswerke für den Fernverkehr der Bahn ins Spiel: Sie müssen mehr Züge pro Nacht schaffen, und zwar ohne Zugeständnisse bei Sicherheit und Qualität. Aber auch mit Blick auf die Kostendisziplin. Standortleiterin Sonja Askew hat mit dieser Leistungssteigerung schon gleich nach der Eröffnung ihres neuen Werkes begonnen. „Inzwischen können wir pro Nacht acht statt vier Züge instandhalten. Möglich macht das im Wesentlichen eine hohe Transparenz bei der Steuerung unserer Aufgaben, verknüpft mit einem perfekten Takt, dem jeder im Team folgt“, sagt sie.

Im Bürogebäude des Instandhaltungswerkes sitzen in der Abteilung Planung und Steuerung Fachreferent Hans-Peter Müller sowie neun Teammitglieder an Monitoren und legen eineinhalb Jahre im Voraus die Bereitstellung der Züge fest, die in Köln gewartet werden: Welche Arbeiten sind zu erwarten, wie lange dauern sie, wie viel Zeitpuffer sollte eingerechnet werden? Für Müller dreht sich in der Planung alles um eine Zielmarke: den Messpunkt 1. Das ist die Ausfahrt des fertiggestellten Zuges aus dem Werk zur genau festgelegten Uhrzeit – zu der auch ein freier Slot auf den stark befahrenen Kölner Schienenwegen zur Verfügung steht. Die Planung umsetzen und dabei flexibel bleiben muss Philipp Stadie in der Zuführungsdisposition. Er koordiniert unter anderem die Werkslokführer, sogenannte Zugbereitsteller. Die überführen die ICE zum vier Kilometer entfernten Hauptbahnhof, wo Lokführer des Linienverkehrs sofort den Führerstand übernehmen.

Früher tauschen, weniger reparieren

Weil es in der Realität wegen unvorhersehbarer Ereignisse nicht immer nach Plan laufen kann, gibt es im Werk viel „Ad-hoc-Geschäft“, wie es Niklas von Hollen nennt. Als stellvertretender Leiter der Fahrzeugtechnik muss der Mechatronik-Ingenieur dafür sorgen, dass die Werkstatt optimal arbeiten kann. Schon bevor die ICE-Züge ins Werk rollen, übertragen sie tagsüber Zustandsmeldungen. Außerdem melden Lokführer und Zugbegleiter Störungen, die von Hollen sofort auswertet: Ob Kaffeemaschine in der Bordküche, Klimaanlage oder Traktion, das Instandhaltungswerk spart viel Zeit, wenn die anstehenden Aufgaben schon vor Eintreffen des ICE perfekt vorbereitet werden.

Dass die richtigen Ersatzteile parat liegen, dafür sorgt Emre Ibis als Fachkraft für Materialwirtschaft. „Ich muss gut disponieren und eng abgestimmt sein mit unseren Lieferanten, damit ich das angeforderte Material bei Bedarf vorrätig habe und sofort ans Werksgleis bringen kann“, sagt Ibis. Das Teile-Spektrum ist groß und variantenreich. Emre Ibis muss nicht nur pure Technik wie Aggregate bereithalten, sondern auch die Ausstattung, auf die Fahrgäste Wert legen: Ersatz für defekte Info-Monitore, neue Armlehnen für einen beschädigten Sitz und auch mal Austauschteile für das Wandspiel im Kleinkindabteil. „Ich lege Wert darauf, nur beste Qualität zum Einbau zu bringen“, sagt Ibis voller Stolz. Und wenn Ibis selbst mal privat Bahn fährt, hat er ein kleines Ritual: „Zuerst schaue ich mich im Wagen um, ob wirklich alles in Ordnung ist und die Fahrgäste zufrieden wirken.“

Diplom-Ingenieurin Sonja Askew, die aus der Luft- und Raumfahrtindustrie zur DB kam, ist begeistert von der Kundenorientierung ihrer Leute. Sie motiviert die Mannschaft mit handfester interner Kommunikation. Dafür nutzt sie stets dieselbe Überschrift. Die lautet: „An Kölner Zügen gibt es nichts zu meckern.“ Der Slogan begegnet einem an vielen Stellen im Werk. Und die Identifikation damit ist spürbar – ob bei den Fachhandwerkern am Gleis oder den Planern in den Büroetagen.


(Anmerkung: Dieser Text ist eine autorisierte, gekürzte Version der Reportage „Nachtschicht nach Fahrplan“ von Heiner von der Laden, zuerst erschienen unter https://magazine2020.porsche-consulting.com/nachtschicht-nach-fahrplan/.)


Alle Fotos: © Porsche Consulting / Marco Prosch