Mit dem ICE durchs Wohngebiet

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Mit dem ICE durchs Wohngebiet

Wenn ein Diesel-ICE auf einer alten Industriebahn neben Einfamilienhäusern vorbeischleicht, sind die Hauptstädter förmlich aus dem Häuschen und versuchen ein Foto des besonderen Zugs zu schießen. Seit 2018 findet auf der Goerzbahn kein regulärer Güterverkehr mehr statt. Nun könnte die Strecke aber als Testumgebung für das advanced TrainLab, den Laborzug der DB, dienen. Wir waren bei einer der Testfahrten dabei.

Es ist nicht der beste Spotterplatz, den sich Jan mit dem Bahnsteigende des Berliner Bahnhofs Lichterfelde-West ausgesucht hat. Und gerade als das advanced TrainLab (aTL), der Laborzug der DB, von der Goerzbahn auf die Stammbahn abbiegt, ist er abgelenkt. „Du, da kommt das Trainlab“, sage ich. Auf einmal ist der Elfjährige wieder hellwach und zückt sein Smartphone. „Bist du auch Spotter?“ will er wissen. „Nein, ich arbeite für die Bahn“, erkläre ich meine Faszination für das advanced TrainLab. „Bist du Lokführer?“, schießt es aus Jan heraus. „Nein, ich schreibe Texte über die Bahn“, entgegne ich. Davon ist der Elfjährige schon nicht mehr wirklich fasziniert. Erst als ich darüber rede, dass ich gleich mit dem Laborzug mitfahren darf, ist er begeistert. Am liebsten würde er auch mitfahren.


Nicht nur Jan ist begeistert

Das advanced TrainLab hat an diesem kalten Freitagvormittag nicht nur den eisenbahnbegeisterten Jan auf die Beine gebracht. Entlang der Goerzbahn und auf einer Brücke über die Stammbahn stehen unzählige Eisenbahnfans, um zu filmen und zu fotografieren. Die Fahrt des Laborzugs auf der Industriebahn ist für sie etwas ganz Besonderes. Normalerweise wird die Trasse im regulären Einsatz nicht mehr genutzt. Noch bis 2018 fand hier allerdings Güterverkehr statt, doch dieser wurde mittlerweile auf Lkw umgestellt.


Die Zukunft der Goerzbahn liegt nun vor allem in den Händen der ZEUHAG-Stiftung (kurz für: Zehlendorfer Eisenbahn- und Hafen AG). Ursprünglich bezeichnete man so die Berliner Eisenbahngesellschaft, die die Goerzbahn lange Jahre betrieb. „Unser erstes Ziel ist es, die Goerzbahn nicht verschwinden zu lassen. Es gibt in Berlin kaum noch leistungsfähige Schienengüter-Infrastruktur“, erklärt der ZEUHAG-Vorsitzende Niklas Pempel. Mit viel Engagement ist sein Team dabei, die Trasse in Schuss zu halten. Darüber hinaus will man aber auch die Weichen für die Zukunft stellen. „Wir wollen hier zukunftsfähige Technologien erproben lassen. Wie sieht zum Beispiel die Antwort für den Schienengüterverkehr auf der letzten Meile aus?“, fragt Pempel. Und auch für den Personenverkehr kann er sich andere Lösungen vorstellen. Genug Bedarf gebe es für beides entlang der Trasse.

Insgesamt 43 Bahnübergänge

Ein erster Schritt in die Zukunft der Goerzbahn ist nun die Fahrt des advanced TrainLab. Auf dem Laborzug werden aktuell unter anderem verschiedene innovative Systeme zur automatischen Hinderniserkennung durch verschiedene Hersteller erprobt. Dafür könnte die Industriebahn eine interessante Testumgebung sein. Auf nur wenigen Kilometern Strecke befinden sich 43 Bahnübergänge sowie Querungen und damit viel Konfliktpotential zu einem Eisenbahnbetrieb. „Das ist auf jeden Fall ein interessantes Revier und die Berliner Politik kann sich auch mehr Güterverkehr auf der Schiene vorstellen“, erklärte Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtiger für das Land Berlin, der sich auch über das breite Interesse der Bevölkerung freute: „So viel Begeisterung löst man ja selten mit einem Zug aus.“


Im Führerstand spürt diese Begeisterung Projektmitarbeiter und Triebfahrzeugführer Philipp Bunzel. Schon auf der Brücke über die Stammbahn stehen mehr als 15 Menschen und erwarten den Diesel-ICE. Mit 10 km/h biegt das advanced TrainLab schließlich auf die Goerzbahn ein. Zwar würde die Infrastruktur höhere Geschwindigkeiten zulassen, doch Bunzel muss auf die anderen Verkehrsteilnehmer achten – sogar eine gelb blinkende Rundumleuchte ist vorne am aTL befestigt.


Nach wenigen Metern kommt der erste Bahnübergang, den ein Vereinsmitglied der ZEUHAG sichert. Viele weitere folgen. Manche sind auch durch Lichtzeichen gesichert. Wie bei Tram und Bus erhält das advanced TrainLab sein Fahrsignal. Eine ungewohnte Situation für Tf Bunzel: „Die Beschaffenheit der Strecke ist aber gut. Wir müssen jetzt nur schauen, mit wie viel Aufwand das Befahren der Strecke verbunden ist.“

Das TrainLab ist ständig unterwegs

Für Testfahrten mit dem Forschungsschwerpunkt Objekt- und Hinderniserkennung ist das aTL vor allem auf Strecken unterwegs, die nicht regulär befahren werden. Zum Beispiel auf der Strecke Annaberg-Buchholz–Schwarzenberg im Erzgebirge, Teil des Living Lab von DB Netz oder eben auf der Berliner Stammbahn, von der die Goerzbahn abzweigt. So können die Tests ohne große Berücksichtigung anderer Zugfahrten stattfinden. Zuletzt fanden auf der Stammbahn auch Testfahrten für die Systeme zur Hinderniserkennung statt. Weitere könnten bald folgen. Für Spotter wie Jan, gibt es also sicher noch ein paar Anlässe das advanced TrainLab auf Videos und Fotos zu bannen.