Radfahren bei minus 20 Grad – „MEikE“ machts möglich

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Radfahren bei minus 20 Grad – „MEikE“ machts möglich

Statt Schienenfahrzeugen hat sich der Extremsportler Jonas Deichmann in der Klimakammer von DB Systemtechnik in Minden einquartiert. Für mehrere Stunden testete er sein Equipment für einen bevorstehenden weltweiten Triathlon. Ein besonderes Experiment für die DB-Kollegen. Meist werden nur Loks und Triebzüge bei Kälte und Hitze getestet – es gab aber auch schon andere Ausnahmen.

Ein Triathlon rund um die Welt, also zu Fuß, per Rad und schwimmend. Der Plan von Jonas Deichmann klingt atemberaubend und gleichzeitig herausfordernd. Der Extremsportler hat sich viel für sein nächstes Abenteuer vorgenommen. Doch er ist große Anstrengungen auch gewohnt: Aktuell hält er drei Rekorde für Kontinentaldurchquerungen auf dem Fahrrad. Nun soll es einmal um die Welt gehen, unter anderem durch Sibirien und über so manches Gebirge. Eine kalte Herausforderung für Deichmann aber auch für sein Equipment. Um beides auf Herz und Nieren zu testen, machte der Sportler nun einen Abstecher zur DB Systemtechnik nach Minden. Denn dort steht „MEikE“ (kurz für Mindener Einrichtung für klimatechnische Untersuchungen an Eisenbahnfahrzeugen).

„Wir testen hier natürlich vor allem Schienenfahrzeuge bei Kälte und Hitze, aber auch Pkw und Landmaschinen waren bereits bei uns in der Anlage“, erzählt Marcel Jäckle, Prüfingenieur und stellvertretender Laborleiter. Der Extremtest von Jonas Deichmann sei da schon eine große Ausnahme. Aber er helfe der Bahn auch die Klimakammer noch bekannter zu machen. „Vielleicht werden so noch weitere Unternehmen und Hersteller auf uns aufmerksam“, erzählt Jäckle. Die Klimakammer sei schließlich vielseitig einsetzbar. Die Anlage kann zum Beispiel in drei Teile geteilt werden. Auf bis zu 75 Metern lassen sich Schienenfahrzeuge testen. Geteilt können aber auch nur auf zehn Metern einzelne Komponenten auf Kälte oder auf Hitzebeständigkeit untersucht werden.

Für Jonas Deichmann wird die Temperatur in jedem Fall nicht hoch gedreht, sondern um mehr als 40 Grad herunter. Während draußen in der Sonne vor „MEikE“ über 20 Grad herrschen, wird es für das Team des Extremsportlers ungemütlich. Durch große Metallröhren wird minus 23 Grad kalte Luft hineingeblasen. „Das ist wirklich spektakulär. Dabei wusste ich vor noch kurzem gar nicht, dass die DB so etwas besitzt“, erzählt Jonas Deichmann. Ohne dicke Jacke dreht man sofort wieder um, wenn man die Klimakammer betritt. Und neben Deichmann muss auch sein Team immer wieder in die Kälte. Denn der Extremversuch wird per Foto und Kamera festgehalten. Ein paar Ausschnitte sollen später auch im Film über Deichmanns neues Abenteuer auftauchen, den Kameramann Markus Weinberg produziert. Auf manchen Etappen will er Deichmann dafür auch beim weltweiten Triathlon begleiten. „Nur durch die Adria zu schwimmen. Das tue ich mir nicht an“, so Weinberg. Auch er testet in der Kammer, wie er am besten mit der Kälte umgehen wird.

Teile der Bekleidung kommen zum Beispiel vom Kölner Triathlon-Ausrüster Ryzon. Vor der Kältekammer steht Sven Schröllkamp, der bei dem Unternehmen für Marketing und Sponsoring zuständig ist. „Für uns ist das auch etwas Neues. Jonas testet für uns heute unsere Produkte für kältere Temperaturen – teilweise Prototypen.“ Schröllkamp erwartet sich so wichtiges Produktfeedback. „Das ist natürlich Gold wert.“ In jedem Fall sei klar, dass eine Daunenjacke alleine nicht ausreicht, um bei minus 20 Grad zu bestehen. „Es zählt das Zwiebelprinzip.“ Also mehrere Schichten übereinander zu tragen.

Eigentlich auch ein Prinzip, das Jonas Deichmann beherzigt. Doch nach dem ersten Gang in die Kältekammer dreht er gleich wieder um. Eine weitere Hose muss her, sonst wird es ihm zu kalt. Dann geht es auf das Gravelbike (eine Mischung aus Mountainbike und Rennrad), das hinten auf eine Trainingsrolle montiert ist, wie man sie sonst bei Trainings in den eigenen vier Wänden benutzt. Die „Tour“ durch die Kälte kann beginnen, die zwei DB-Kollegen noch um einen kleinen Schneesturm ergänzen. Jetzt möchte man nicht in der Haut von Jonas Deichmann stecken.

Doch der ist nach 30 Minuten Kälte immer noch gut gelaunt: „Es funktioniert. So lange ich in Bewegung bin, wird mir nicht kalt. Nur für die Handschuhe brauche ich eine bessere Lösung.“ Nach einer Pause geht es um den Test der Technik: Wie lange hält die Batterie des Lichts durch oder wie lassen sich die Tubeless-Reifen wechseln? Das Fazit nach zwei Stunden in der Kältekammer kann sich sehen lassen: „Das waren extreme Bedingungen und einen besseren Test für Sibirien gibt es nicht. Ich habe noch zwei bis drei kleine Baustellen an der Ausrüstung aber insgesamt hat alles besser funktioniert als erwartet und ich freue mich, dass es jetzt richtig losgeht", so Deichmann, der nun beruhigt am Samstag in München den Triathlon um die Welt beginnen kann. (Auf Deichmanns Internetseite (https://jonasdeichmann.com/) lässt sich sein Abenteuer übrigens auch mitverfolgen.)

Für Marcel Jäckle und sein Team wird es nach dem besonderen Experiment aber nicht langweilig. Die nächsten Tests stehen an. „Demnächst haben wir die Baureihe 245 von Bombardier bei uns“, erzählt Jäckle. Gemeinsam mit DB Regio möchte man die Diesellok unter Schnee- und Eisbedingungen in der Klimakammer testen.

Der Hersteller ist wie andere Schienenfahrzeugproduzenten und natürlich DB-Tochtergesellschaften regelmäßiger Gast in Minden. Vor zehn Jahren schickte man zum Beispiel indische Metrowagen in „MEikE“, allerdings um die Klimaanlage bei bis zu 55 Grad Außentemperatur zu testen. Und das bei einer Fahrgastbesetzung von 392 Personen. Ihre Abwärme wurde mit Heizmatten, die eine Heizleistung von 100 Watt erzeugen, simuliert. Nur so lassen sich normale Bedingungen abbilden. „Unser Temperaturrekord liegt bei 60 Grad, als wir eine Diesellok in der Kammer hatten, der Minusrekord bei minus 28 Grad. Diese Extremwerte sind aber stark abhängig von der Außentemperatur und auch abhängig von dem in der Kammer befindlichen Prüfobjekt“, erklärt Jäckle, der sich auf weitere interessante Tests freut. Sie helfen schließlich auch dabei die Starke Schiene noch schlagfertiger zu machen.