Schwule Führungskraft: Wir müssen die Vielfalt sichtbar machen

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Schwule Führungskraft: Wir müssen die Vielfalt sichtbar machen

Oliver Kühn gehört zu den „Top 100 Out Executives“ in Deutschland, also jenen Führungskräften, die an ihrem Arbeitsplatz zu LGBTIQ* stehen. Im Rahmen der Diversity-Woche spricht er über seine Erfahrungen als offen schwule Führungskraft bei der DB. Kühn ist Leiter Dienstleistungen, Service und Betrieb im Regionalbereich Ost bei Station&Service.

Herr Kühn, wie wird man als Führungskraft Vorbild für einen toleranten und offenen Umgang mit sexueller Orientierung und Identität?

In das Ranking werden nur Führungskräfte aufgenommen, die auch öffentlich sichtbar sein möchten. Nicht alle können und wollen das, aber jede und jeder auf der Liste hilft, die Botschaft zu verbreiten: Ja, man kann als Führungskraft Karriere machen, auch wenn man sich geoutet hat. Dass in diesem Jahr drei Führungskräfte der DB auf der Liste stehen, zeigt: Die Deutsche Bahn ist ein offenes und vielfältiges Unternehmen. Bei uns sind schwule und lesbische Menschen am Arbeitsplatz akzeptiert und das gilt auch in Führungspositionen. Da ich als stellvertretender Bundesvorsitzender des Völklinger Kreises (Berufsverband schwuler Führungskräfte und Selbständiger) auch in der Öffentlichkeit mit den Belangen schwuler Führungskräfte verbunden werde, konnte ich mich im Ranking zum Vorjahr um 15 Plätze verbessern.

Warum ist es wichtig, dass gerade Führungskräfte sich gegenüber Kolleg*innen outen?

Ein Unternehmen kann nur glaubwürdig für Vielfalt stehen, wenn möglichst viele Kolleg*innen diese Vielfalt sichtbar machen. Auch darum sollte sich in Führungsebenen die Vielfalt der Belegschaft widerspiegeln. Darum müssen auch Kolleg*innen stark in Führungspositionen vertreten sein, die nicht heterosexuell sind. Das stärkt bei Mitarbeitenden das Vertrauen, sich ebenfalls im Unternehmen outen zu können. Auf diese Weise können wir als Unternehmen glaubhaft für Vielfalt stehen und strahlen das auch nach außen aus. In Zeiten des demografischen Wandels wird uns das helfen, junge Menschen für die Deutsche Bahn zu gewinnen. Ich würde mich also über weitere Kolleginnen und Kollegen auf der Liste sehr freuen. Dass Richard Lutz Schirmherr des LGBTIQ*-Netzwerks railbow ist, macht LGBTIQ*-Personen bei der DB noch sichtbarer, darüber bin ich sehr glücklich.

Fällt es Führungskräften schwerer, sich zu outen?

Leider ist die Annahme verbreitet, um Karriere zu machen, sei es hilfreich, möglichst den Konventionen zu entsprechen. Ich denke, schwule oder lesbische Führungskräfte sorgen sich, durch einen offenen Umgang mit ihrer sexuellen Orientierung sozusagen unangenehm auffallen zu können. Um das nicht zu riskieren, verstellen sich manche lieber und geben sich in ihrer beruflichen Welt oft heterosexuell. Es gibt also immer noch die Ansicht, ein offener Umgang mit der eigenen sexuellen Orientierung könnte für den beruflichen Erfolg hinderlich sein. Als ich in der Vergangenheit neue Positionen übernommen habe, empfahlen mir Kollegen schonmal, mich besser nicht zu outen. Ich sollte lieber für mich behalten, dass ich schwul bin, war der gut gemeinte Rat. Dabei spielten gewisse, immer noch verbreitete Stereotype von schwulen Männern eine Rolle, die scheinbar nicht mit den Eigenschaften einer Führungskraft vereinbar sind. Darum ist es so wichtig, dass nicht heterosexuelle Führungskräfte im Unternehmen sichtbar sind.

Wann haben Sie sich entschlossen, in Ihrem beruflichen Umfeld offen mit Ihrer sexuellen Orientierung umzugehen?

Schon in meinen ersten Berufsjahren Anfang der 80er Jahre habe ich bei schwulen Kollegen und Freunden erlebt, wie es sich negativ auf die Persönlichkeit auswirkt, sich im Berufsleben immer verstellen und aufpassen zu müssen, nicht als schwul erkannt zu werden. Ein Kollege, der in Bremen am Arbeitsplatz offen schwul war, hat sich plötzlich wie ein anderer Mensch verhalten, als er in die Frankfurter Zentrale gewechselt war. Mitte zwanzig stand für mich fest, das kommt für mich nicht in Frage. Ich wollte so ein Doppelleben nicht führen. Seitdem bin ich auch im Beruf offen, aber nicht immer offensiv mit meiner Homosexualität umgegangen.

Haben sie aufgrund Ihres offenen Umgangs mit Ihrer sexuellen Orientierung das Gefühl, dass man Ihnen mit Vorbehalten begegnet ist?

In früheren Jahren sind mir einige Menschen mit Vorbehalten begegnet. Da wurde ich schonmal angefeindet und manchmal auch ausgegrenzt. Einmal kam es vor, dass Kollegen meine Beförderung zu verhindern suchten. Mein Vorstand davon nicht beeindrucken lassen und mich über das Verhalten der Kollegen informiert. Daneben gab es auch Versuche, mir mit Behauptungen zu schaden, die in anonymen Briefen verbreitet wurden. Mir wurde unterstellt, ich würde bei der Auswahl von Nachwuchskräften junge Männer bevorzugen. Da ich geoutet war, konnte ich mich leichter wehren. Von meinen Führungskräften habe ich deswegen übrigens nie Ablehnung erfahren. In den letzten zwanzig Jahren hat sich zudem spürbar vieles verbessert, in der Gesellschaft und im Unternehmen. Die gesetzliche Gleichstellung und aktive Netzwerke für Homosexuelle haben dabei sehr geholfen.

Wie können Führungskräfte ein Umfeld schaffen, in dem es nicht heterosexuellen Kollegen leichter fällt, sich zu outen?

Führungskräfte sollten bei der Zusammensetzung eines Teams auf Vielfalt achten. Nicht nur nach den augenscheinlich gut Passenden suchen, sondern bewusst Unterschieden den Vorzug geben. Gleichzeitig ist es wichtig, dass Führungskräfte die Diversität im Team und Unternehmen auch zum Thema machen und nicht bei Sachthemen aufhören. Ich selbst lade neue Kolleginnen und Kollegen gerne dazu ein, die eigene Lebensgeschichte zu erzählen und gehe als Beispiel voran. Das schafft Vertrauen. Wichtig ist es, auch mal die berufliche Sphäre zu verlassen und zum Beispiel ein Team-Essen zu veranstalten. Das ist gerade leider schwierig. Aber man muss Räume abseits der Arbeit schaffen, denn so lernt man sich besser kennen und verstehen. Niemand sollte meinen, im Beruf ein Doppelleben führen zu müssen. Es ist erwiesen, dass Mitarbeitende, die mit ihrer sexuellen Orientierung offen umgehen können, nicht nur glücklicher, sondern im Unternehmen engagierter und leistungsfähiger sind.

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