Zwei feine Nasen für Dortmund

Artikel: Zwei feine Nasen für Dortmund

Für die Suche nach schützenswerten Tieren auf ihren Baustellen hat die DB ganz besondere Mitarbeitende eingestellt: Artenspürhunde sollen erschnüffeln, was dem menschlichen Auge oft entgeht.

Die Sonne steht noch tief über dem alten Güterbahnhof am Dortmunder Hafen. Es ist sieben Uhr am Morgen, Tabea Wulms und Alexandra Hörand machen ihre Hunde für den Einsatz bereit. Sie werden angeleint, die Hundeführerinnen befüllen ihre Hüfttaschen mit Belohnungshäppchen. Monte und Storm sollen auf dem mit Gestrüpp bewachsenen Gelände mit ihren feinen Nasen entdecken, was Menschen oftmals verborgen bleibt: geschützte Tierarten, die sich hier angesiedelt haben könnten. Im Fokus stehen vor allem Fledermäuse und Zauneidechsen, neben Gelbbauchunken und Schlingnattern die Spezialgebiete der Hunde.

Alexandra Hörand mit ihrem Spaniel-Mix Monte am alten Güterbahnhof in Dortmund.

Wulms und Hörand gehören zum Kompetenzzentrum Artenkartierung der DB Netz AG in München. Seit Beginn des Jahres werden von hier aus auch so genannte Artenspürhunde auf ausgewählte Baustellen der Bahn entsandt, um geschützte Tierarten aufzuspüren, die dann umgesiedelt werden. Sechs Hunde unterschiedlicher Rassen gehören inzwischen zum Team. Der Einsatz von Artenspürhunden bei Bauvorhaben in Deutschland ist ein Novum. Mit ihren feinen Nasen helfen sie, dass die DB schneller ins Bauen kommt und somit Projekte effizienter umsetzen kann. Die Vierbeiner sind quasi bei der Bahn angestellt und dort auch krankenversichert. „Sie werden als vollwertiger Teil des Teams verstanden“, sagt Hörand. „Diesen Ansatz finde ich toll.“

Einsatz in Dortmund

Drei Tage verbringen Wulms und Hörand mit ihren Hunden in Dortmund. Bis 2027 soll auf dem 25 Hektar großen Terrain eines der modernsten ICE-Werke Deutschlands entstanden sein, eine 480 Meter lange Halle und weitere Anlagen für bis zu 500 neue Mitarbeitende. Seit 2005 liegt das Gelände brach, inzwischen hat sich die Natur ausgebreitet und möglicherweise haben auch geschützte Arten hier ein Zuhause gefunden. Ein Biologe hatte das Gebiet zwar bereits kartiert und nach Tieren gesucht. „Wir wollen aber auf Nummer sicher gehen“, sagt Projektleiter Matthias Schulz. „Es soll uns nichts entgehen. Deshalb haben wir die Hunde angefordert. So haben wir genug Zeit, Arten umzusiedeln, falls es notwendig wird.“

Montes Maße sind wie gemacht für seine Arbeit: Elf Kilogramm schwer und 30 Zentimeter hoch.

Ideale Maße

Mit der Schnauze dicht am Boden schnüffeln sich die beiden Hunde aufmerksam durch das Gelände. Nicht nur ihr ausgeprägter Geruchssinn prädestiniert die Spaniel für die Arbeit, auch ihre Maße. Ausgewachsen sind die Tiere nur etwa 30 bis 45 Zentimeter hoch und rund elf bis zwanzig Kilogramm schwer – ideal, um auch längere Zeit die Nase unten zu halten. „Die Bahn hat sich auch deshalb unter anderem für Spaniel entschieden, weil sie als Steherhunde im Gelände nicht so schnell aufgeben“, sagt Hörand, früher Försterin in einem bayrischen Privatwald.

Es dauert nicht einmal 15 Minuten, da setzt sich Monte an einem Gestrüpp im Gleisbett hin und erstarrt. Sein Verhalten ist für Hörand das Zeichen, dass der Hund auf etwas gestoßen sein muss. Vor seiner Pfote liegt ein winziger Haufen Fledermauskot. Hörand trägt die Koordinaten in ihr Tablet ein, um den Fundort zu speichern. „Fein gemacht“, lobt sie den Hund. Monte löst sich aus seiner Erstarrung, Hörand belohnt ihn mit einem Leckerli.

Auch abseits der Arbeit ein Team

Tabea Wulms und ihr Artenspürhund Storm.

Ein Jahr lang wurden Monte und die anderen Hunde vom Trainerteam für ihre Arbeit ausgebildet, wissenschaftlich begleitet von mehreren Hochschulen und Universitäten. „Die Schwierigkeit ist, dass sie etwas erschnüffeln sollen, was sie eigentlich nicht interessiert“, sagt Wulms. Um das zu üben, werden in den regelmäßigen Trainingseinheiten nicht nur Echsen- oder Schlangenhäute, sondern etwa auch kleine Krümel aus einer Art Gummi versteckt, die die Hunde finden müssen. Das Material ist ein Ersatzstoff, der nicht in der Natur vorkommt und daher ideal für das Training im Freien. Damit Tier und Mensch dabei ein gutes Team bilden und Vertrauen aufbauen, verbringen sie auch das Leben abseits der Arbeit gemeinsam.

Während der zwei Jahre alte Monte nach seiner Geburt schnell den Weg zur Bahn fand, hatte der dreijährige Storm vorher schon einen anderen Arbeitgeber: Bei der Bundeswehr wurde ihm beigebracht, wie man Corona-Viren erschnüffelt.

Leistungsspürnasen wie Monte und Storm brauchen allerdings auch regelmäßig Pausen. Nach zwei bis drei Stunden intensiver Schnüffelei seien sie erschöpft, sagt Wulms. Zudem macht die Hitze den Hunden zu schaffen. Am späten Vormittag, nach einigen Trink- und Ruhepausen, ist die erste Sucheinheit des Tages beendet. Mit dem Laptop auf dem Schoß widmen sich Wulms und Hörand auf dem Parkplatz der Schreibarbeit. Die beiden Hunde können sich so lange entspannen. Erst am Abend, wenn die Sonne nicht mehr glüht, wird der Einsatz weitergehen.