Wenn die Weiche eine SMS schickt

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Wenn die Weiche eine SMS schickt

Zu jeder Zeit genau wissen, ob eine Weiche richtig funktioniert. Mithilfe von Sensoren und DIANA, der digitalen Diagnose- und Analyseplattform der DB, soll dies möglich werden. In Halle an der Saale wurden kürzlich die letzten Weichen im Rahmen des großen Roll-outs an das System zur prädiktiven Instandhaltung angeschlossen.

Kurz bevor sich die Weiche in Bewegung setzt, hält Christian Schmidt ein vier Millimeter breites Metallstück zwischen Weichenzunge und -backe. Kurz darauf pfeift der Antrieb der Weiche hörbar auf. Mit voller Kraft versucht er den noch restlichen Weg zurückzulegen. Doch ohne Erfolg. Die Zunge kommt nicht in die Endposition. „Der Antrieb kann nicht mehr stärker, die Rutschkupplung greift und nach circa sechs Sekunden stellt ein Zeitrelais den Motor ab“, erklärt Giso Wundratsch.

DIANA Weichenantrieb

Die Kraftanstrengung der Weiche zeigt sich Sekunden später auf seinem Tablet. Ein Diagramm veranschaulicht, welchen Strombedarf die Weiche für den letzten Stellvorgang verbraucht hat. In der Verriegelungsphase benötigte die Weiche auf einmal deutlich mehr Energie als üblich. Wäre dies kein Test im Wartungsmodus (Vier-Millimeter-Probe), würde DIANA, die digitale Diagnose- und Analyseplattform der DB, den Kollegen nun eine Meldung via Email ausgeben oder auch eine SMS schicken, um ihnen diese Abweichung vom Referenzwert zu melden. Entsprechend würden Kollegen ausrücken, um die Weiche zu überprüfen.

Tablet - DIANA

Infokasten: Die Vier-Millimeter-Probe dient nicht nur dazu, die Weichen in DIANA zu parametrieren oder die Funktionsweise von DIANA für Außenstehende zu demonstrieren, sondern ist ein sicherheitsrelevanter Test. Damit Züge die Weichen sicher überfahren können, dürfen sie sich bei einer Abweichung zur Endposition von vier Millimetern nicht verriegeln und anschließend den Abschluss des Stellvorgangs melden. Das wird mit der Vier-Millimeter-Probe sichergestellt.


Die Weiche in der Nähe des Hauptbahnhofs Halle ist eine der vielen Weichen, deren Antrieb das Team von Giso Wundratsch in den vergangenen Wochen mit einem Sensor versehen und an DIANA angeschlossen hat. Im Stellwerk wenige Meter entfernt, sind die Stromsensoren fein säuberlich auf die Adern des jeweiligen Weichenantriebsmotors aufgeklippst worden. Mehr als 50 Weichen werden nun ständig aufmerksam digital in diesem Stellwerksbereich überwacht. Die erfolgreiche Inbetriebnahme in Halle markiert das Ende des ersten großen Roll-outs der Weichendiagnose in Deutschland. Mehr als 28.000 Weichen sind nun deutschlandweit an das System angeschlossen. Rund 66 Millionen Euro investierte die DB bislang in die prädiktive Instandhaltung. Und diese Entscheidung zahlt sich aus: Etwa 3600 Defekte wurden bundesweit bereits mit dem System vorzeitig erkannt und damit Störungen des Bahnverkehrs vermieden.

In Halle sollten die ersten Fehlermeldungen noch auf sich warten lassen. Rings um den Hauptbahnhof wurden die Gleisanlagen in den vergangenen Jahren umfangreich modernisiert. Auch die Weiche, deren erhöhter Stromverbrauch durch DIANA gerade aufgezeichnet wurde, ist nahezu fabrikneu. Die Umbauarbeiten machten das DIANA-Projekt allerdings für die Beteiligten nicht einfacher. „Das war ein gemeinsamer Kraftakt die verschiedenen Bereiche hier vor Ort zu koordinieren. Wäre ein Teil aus dem Trott gekommen, hätten wir auch alle anderen Pläne verwerfen müssen“, erklärt Giso Wundratsch, der stolz auf die gute Zusammenarbeit der rund 35 beteiligten Kollegen ist. „Das war echt eine starke Teamleistung. Von der regionalen Instandsetzung, über die örtlichen Kollegen der PD, die Planungsingenieure, den Prüfbereich, die Fachbeauftragten bis hin zur Projektsteuerung.“

Modul - DIANA

Insgesamt läuft der Roll-out der digitalen Weichenantriebsanalyse bereits seit 2016. In der Region Südost startete man mit den wichtigen Knoten Erfurt, Dresden, Leipzig, Großkorbetha, Bitterfeld und Chemnitz. „Danach ging es in die Fläche mit den Hauptachsen. Die VDE 8.1 und 8.2 folgten beispielsweise 2018/19. In der Region sind nun knapp 3500 Weichen an DIANA angeschlossen worden. Und weitere sollen nach Bedarf und Relevanz im Netz folgen.

Vor Ort in Halle freut man sich über das neue System. „Die DIANA-App ist wirklich benutzerfreundlich und lernt auch dazu“, erklärt Mandy Barth, Bezirksleiterin LST in Halle. So lassen sich in der Software für bestimmte Stromkurvenverläufe verschiedene Fehlerbilder anlegen, die im Betriebsalltag bereits aufgetreten sind. Trotzdem sei nicht jede Weiche gleich, sagt Giso Wundratsch. Man müsse für die Bewertung ihre Spezifika kennen. So spiele die Bauart, das Alter, die Lage oder auch die Überhöhung eine Rolle für die Analyse von Fehlern. Die Weiche in Halle setzt zum Beispiel bereits auf eine Zungenrollvorrichtung und muss nicht mehr aufwendig geschmiert werden, um einwandfrei zu funktionieren. „DIANA hilft uns das Verhalten von Weichen über die Zeit und damit Veränderungen und schleichende Prozesse besser zu erkennen“, so Wundratsch. Denn sie gehören wie Bahnübergänge oder Signale zu den Bereichen, bei denen Störungen die meisten Auswirkungen auf den Bahnbetrieb haben.

Mit der Integration von 18.000 Weichenheizungen in das DIANA-System bis Ende 2020 und der Berücksichtigung von Wetterdaten sollen sie sich bereits frühzeitig vor beispielsweise einem Wintereinbruch aktivieren. Bis 2021 kommen zudem Sensoren hinzu, die Material und Lage der Weichen im Blick behalten. Alles mit dem Ziel: die betriebliche Störung zu einer absoluten Ausnahme zu machen. Damit Reisen mit der Bahn noch verlässlicher wird.