Ost-West-Geschichten

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Ost-West-Geschichten

Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Das brachte auch bei der Bahn Ost und West zusammen. Lokführer Phillip Buchholz ist einer der wenigen „Wessis“, der im Osten arbeitet.

Am 9. November ist der Mauerfall  genau 30 Jahre her. Der friedlichen Revolution folgte die Deutsche Einheit und aus der Reichsbahn und der Bundesbahn wurde die Deutsche Bahn. Phillip Buchholz ist einer der wenigen „Wessis“, der im Osten arbeitet.

Der Triebfahrzeugführer kam vor fünf Jahren nach Sachsen-Anhalt – der Liebe wegen. „Ich hatte damals in Hamburg gearbeitet und meine Freundin hatte Heimweh, also zogen wir in den Osten.“ Inzwischen wohnt und lebt er in der Bauhausstadt Dessau und fährt täglich durch Sachsen-Anhalt, bis nach Sachsen hinein und manchmal auch in Richtung seiner alten Heimat nach Niedersachsen. 

Geboren wurde er 1983 in der Stadt, die genauso wie er heißt, in Buchholz in der Nordheide. „Im Speckgürtel von Hamburg“, sagt er. Den Fall der Mauer hat er, obwohl er damals erst sechs Jahre alt war, noch vor Augen. „Meine Mutter und meine Großeltern kommen aus dem Osten, die sind noch vor dem Mauerbau hierher gezogen“, erinnert er sich, „der Fernseher lief und meine Mutter war sehr aufgeregt.“ 

Ausbildung in Stuttgart

Schon bald zog es ihn zur Bahn – Lokführer wollte er werden. Die Möglichkeit ergab sich bei der S-Bahn in Stuttgart. Schon dort hatte er fast nur „Ossis“ um sich herum, die kamen auf der Suche nach Arbeit ins Ländle. Dass er selber mal in den Osten gehen würde, erschien damals sehr unwahrscheinlich. Über verschiedene berufliche Stationen landete er dann wieder in Hamburg bei DB Regio. 

Dann kam die Liebe und der Umzug nach Halle (Saale) später Dessau. „Ich mag es hier, in 20 Minuten bin ich in der Natur, die Elbauen sind herrlich“, schwärmt er. Außerdem lebe er hier fast in der Mitte von Deutschland, ruckzuck ist man in Leipzig oder Dresden oder im Fläming, auch bis in die Heimat ist es nicht so weit. 

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Tolle Kollegen

Die Kollegen haben ihn gut aufgenommen, ein prima Team sei das hier. Unterschiede zwischen Ost und West? Er überlegt lange: Vielleicht sind die Menschen hier etwas offener. "Mein subjektiver Eindruck, die Kollegen machen hier auch nach Feierabend mehr miteinander." Aber grundsätzlich sei Ost oder West hier kein Thema. Anfangs hätten die meisten gedacht, dass er gar kein „Wessi“ ist. Diese Unterscheidung hält er auch für überholt, da seien die Unterschiede zwischen „Fischköppen“ und „Lederhosen“ doch gravierender. 

Beim längeren Nachdenken fallen ihm dann doch ein paar Unterschiede ein. „Viele Kollegen arbeiten schon seit Jahrzehnten hier, im Westen wechselt das häufiger“, sagt er. Und als Triebfahrzeugführer musste er hier nochmal die Schulbank drücken, weil es immer noch ein paar Unterschiede in der Signaltechnik zwischen Ost und West gibt. 

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Keine Mauer mehr

Ob er in Dessau alt wird, ist noch nicht gesagt. Aber falls er demnächst mal umzieht, hat der Osten größere Chancen als der Westen. „Leipzig finde ich spannend, aber auch die Gegend zwischen Dessau und Berlin.“ Vorerst wird er sich den Osten erstmal weiterhin bei Tag und Nacht aus dem Führerstand seines „Talent 2“ ansehen. 

Auch wenn ihm durchaus bewusst ist, dass es gerade bei den Lebensverhältnissen noch einige Unterschiede gibt: „Für mich gibt es keine Mauer mehr“, sagt Phillip Buchholz, dann steigt er ein und fährt den nächsten S-Bahn-Zug nach Wittenberg.