Nächste Etappe der Schienennetz-Modernisierung: Generalüberholung für Schnellfahrstrecken

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Nächste Etappe der Schienennetz-Modernisierung: Generalüberholung für Schnellfahrstrecken

Erneuerung von Gleisen, Weichen und Technik nach fast 30 Jahren Dauerbetrieb • Züge werden soweit möglich umgeleitet

Mit den ersten Schnellfahrstrecken begann eine neue Ära im Bahnverkehr. Heute sind alleine zwischen Hannover und Würzburg jährlich rund 15,5 Mio. Fahrgäste mit Hochgeschwindigkeit unterwegs. Zwischen 2019 und 2023 werden mit den Relationen Hannover – Würzburg und Mannheim – Stuttgart nun die ersten Schnellfahrstrecken etappenweise fit für die Zukunft gemacht. Durch ausgefeilte Baukonzepte und  frühzeitige Information sollen die Auswirkungen der Baumaßnahmen so gering wie möglich gehalten werden. 

Infografik Schnellfahrstrecken Deutschland

Vor mittlerweile fast 30 Jahren gingen sie in Betrieb und sind bis heute aus dem Schienennetz der DB nicht mehr wegzudenken: die Schnellfahrstrecken, die eigens für Eisenbahnverkehre mit Tempo 160 plus konzipiert und errichtet wurden. Zwischen Hannover und Würzburg sowie Mannheim und Stuttgart machten sich im Frühjahr 1991 die ersten Personenzüge mit rasanter Geschwindigkeit auf die Reise und läuteten damit eine völlig neue Qualität des Bahnfahrens und den Siegeszug des ICE ein.

Die schnellen, komfortablen Verbindungen brachten nicht nur viele Menschen näher zueinander. Es entstanden auch neue Wirtschaftsräume und -konzepte. Außerdem sorgten die Strecken bundesweit für ein wahres Aufatmen, denn die Straßen konnten durch die attraktiven Zugverbindungen deutlich vom Individual- sowie Lkw-Verkehr – und somit CO2 – entlastet werden. Seitdem sind viele Millionen Reisende und Tonnen von Gütern über die Hochgeschwindigkeitsverbindungen gerauscht. Allein zwischen Hannover und Würzburg waren es bis heute rund 420 Millionen Fahrgäste im Fernverkehr – das entspricht fast der Gesamtbevölkerung Südamerikas.

Nach über einem viertel Jahrhundert Dauerbetrieb brauchen die „alten Damen“ nun eine Frischekur, damit sie auch für kommende Generationen weiter ihren Dienst tun können und die Erfolgsgeschichte Hochgeschwindigkeitsverkehr in Deutschland ein neues Kapitel erhält.

Bei der gegebenen Größenordnung ist eine Sanierung der Infrastruktur nicht von heute auf morgen zu erledigen. Daher arbeiten die Fahrplaner der DB bereits seit Monaten an verschiedenen Konzepten, die nicht nur dem enormen Baupensum Rechnung tragen, sondern insbesondere mit Blick auf die Reisenden und Güterverkehrskunden vertretbare Lösungen bieten. In zahlreichen Abstimmungsrunden vor allem mit den betroffenen Transporteuren ist ein Etappenplan entstanden, bei dem die Bahn von 2019 bis 2023 mit mehreren Streckensperrungen zunächst zwei Hochgeschwindigkeitsverbindungen auf Vordermann bringt.

Generalüberholung Schnellfahrstrecken ab 2019

Bildergalerie Schnellfahrstrecken

Ab 2019: Hannover–Würzburg

Den Auftakt der Schnellfahrstreckensanierung macht die Verbindung Hannover–Würzburg. Die Bauarbeiten an Gleisen, Weichen und Technik finden sukzessive in vier Abschnitten statt.

  1. Hannover–Göttingen:  11. Juni bis 14. Dezember 2019

  2. Göttingen–Kassel, 23. April bis 15. Juli 2021

  3. Fulda–Würzburg, 2022 (konkrete Konzepte noch in Planung)

  4. Kassel–Fulda, 2023 (konkrete Konzepte noch in Planung)

Um die Beeinträchtigungen für die Reisenden in dieser Zeit so gering wie möglich zu halten, hat die Bahn schon sehr früh die Eisenbahnverkehrsunternehmen und Verbünde in die Planungen eingebunden. Ganz ohne Reisezeitverlängerungen ist das hohe Baupensum jedoch nicht realisierbar. 

Konkret ist im Fernverkehr der Deutschen Bahn während der Streckensperrung mit Reisezeitverlängerungen zu rechnen, so z.B. auf den Verbindungen Hamburg-Frankfurt, Berlin-Frankfurt und Hamburg-München jeweils ca. 30 bis 45 Minuten. Zwischen Hamburg bzw. Berlin und Frankfurt wird es in der Zeit der Bauaktivitäten zu Kapazitätseinschränkungen kommen. 

Betroffene Zeitkarteninhaber und BahnCard-100-Kunden erhalten eine finanzielle Entschädigung.

Vier Fragen an Hannes Tesch, Programmleiter Oberbausanierung Schnellfahrstrecke Hannover–Würzburg

Hannes Tesch, Programmleiter Oberbausanierung bei der Schnellfahrstrecke Hannover–Würzburg

1.   Herr Tesch, Sie sind Programmleiter Oberbausanierung bei der Schnellfahrstrecke Hannover–Würzburg. Was genau muss man sich darunter vorstellen?

Die Programmleitung hat den Blick aufs Ganze. Wir koordinieren übergreifend alle mit der Sanierung der Schnellfahrstrecke Hannover–Würzburg einhergehenden Projektaktivitäten – und das sind eine Menge – aus einer Hand. Ab Juni dieses Jahres steht die Erneuerung von hunderten Kilometern Gleisen, Weichen und Technik an. Drei Regionalbereiche der DB Netz AG, die die Umsetzung der konkreten Projekte jeweils vor Ort verantworten, sind in die Streckensanierung involviert. Unser Job ist es, die vielen baulichen Einzelmaßnahmen mit Blick auf Qualität, Zeit und Kosten optimal in Einklang zu bringen. Dazu zählt auch die Abstimmung mit den zentralen Bereichen Projektmanagement, Versorgung und Logistik, Baubetrieb, Vertrieb und Fahrplan.

Die Gesamtkoordination eines derart großen, anspruchsvollen Projektes ist immens wichtig, um einen gebündelten Umbau in kürzest möglicher Zeit zu realisieren. Gerade mit Blick auf die Eisenbahnverkehrsunternehmen und Fahrgäste ist dies unabdingbar – schließlich wollen wir die Beeinträchtigungen für den Bahnverkehr auf einem notwendigen Minimum halten. Und wir haben noch einen weiteren Anspruch: durch eine kompetente Steuerung alle Effizienzvorteile für Bauverfahren, Umbaulängen und Vergabevolumina zu nutzen.


2.  Warum muss die Strecke denn überhaupt derart aufwändig erneuert werden? Hätte nicht die „normale“ Instandhaltung mit weniger Auswirkungen gereicht?

Aufgrund der hohen verkehrlichen Belastung der Strecke, die seit mittlerweile fast 30 Jahren im Dauerbetrieb von schnellen Zügen befahren wird, ist eine reine Instandhaltung, wie wir sie bislang regelmäßig durchgeführt haben, nicht mehr ausreichend. Wir müssen jetzt grundlegend ran, um die Qualität der Schnellfahrstrecke für künftige Generationen weiter gewährleisten zu können. 2019 bringen wir daher zunächst Oberbau und Technik zwischen Hannover und Göttingen auf Vordermann. Zwei Jahre später folgt die Sanierung des Bereichs Göttingen–Kassel. Mit der Erneuerung der beiden verbleibenden Abschnitte Fulda- Würzburg (2022) sowie Kassel – Fulda (2023) wird die durchgängige Streckensanierung abgeschlossen.


3.  Mehrjährige Bauarbeiten zwischen Hannover und Würzburg treffen den bundesweiten Bahnverkehr mitten ins Mark - sprich sie führen dazu, dass sich die Reisenden über einen längeren Zeitraum auf Verzögerungen einstellen müssen. Warum hat sich die DB für dieses Sanierungskonzept entschieden?

Wir haben uns die Entscheidung selbstverständlich nicht leichtgemacht, denn es geht wie Sie richtig sagen um eine der wichtigsten Verkehrsadern in Deutschland. Schon im Vorfeld haben wir daher mit Eisenbahnen und Verbünden gesprochen, diskutiert und verschiedene Konzepte entwickelt. Nach Abwägung aller Optionen hat sich die jetzige Lösung als die für alle Beteiligten beste Variante herauskristallisiert. Sie ist gewissermaßen ein Kompromiss aus den Ansprüchen unserer Kunden und der technischen Realisierbarkeit der Bauverfahren.

Die Reisenden haben während der Bauphasen jeweils einen feststehenden Fahrplan und müssen sich nicht auf mehrmals wechselnde Angebote einstellen. Auch mit Blick auf die Infrastruktur macht die Lösung den meisten Sinn. So stehen zum Beispiel in den 63 Tunnelbauwerken mit einer Länge von über 100 Kilometern die Gleise zur Sanierung an. Hierbei sind aufgrund der Staubentwicklung aufwändige Umbauverfahren mit Bewässerung des Schotters sowie Tunnelbewetterung für die Frischluftzufuhr erforderlich, die nur bei einer Streckensperrung sinnvoll realisiert werden können.


4.  Wenn die Strecke gesperrt ist, könnte die Bahn doch gleich noch andere Arbeiten wie Grünrückschnitt oder ähnliches in einem Rutsch miterledigen, damit dafür später nicht nochmal an gleicher Stelle gearbeitet werden muss. Haben Sie das angedacht und wenn ja, was konkret?

Diese Punkte haben wir natürlich mit bedacht. Für den ersten Realisierungsabschnitt von Hannover nach Göttingen haben wir zum Beispiel eine Reihe von Instandhaltungsarbeiten in die Sperrpausen integriert. Dazu zählen der Austausch von ca. 8.000 Oberleitungs-Hängern, der Neubau von ca. 3.000 Metern Kabelkanal oder die Instandsetzung von Entwässerungsleitungen in Tunneln.

Zudem wird die Strecke Hannover – Würzburg im Rahmen des „Aktionsplans Vegetation“ bereits ab Oktober 2018 in der nach Bundesnaturschutzgesetz festgelegten Rückschnittzeit bearbeitet, um den Waldbestand entlang der Gleise sturmsicherer zu machen. Dazu haben die Kollegen in den Regionalbereichen im Juli die komplette Strecke befliegen und inspizieren lassen. Nach Auswertung der Daten stehen wir aktuell mit den Naturschutzbehörden in Kontakt, um konkrete Durchforstungsmaßnahmen zu planen.

Generalüberholung Schnellfahrstrecken ab 2019

Generalüberholung Schnellfahrstrecken ab 2019

  

Ab 2020: Mannheim-Stuttgart

Die Strecke Mannheim–Stuttgart steht ab 2020 zur Erneuerung an. Das Baupensum wird in 205 Tagen bei einer Totalsperrung zwischen 10. April und 31. Oktober erledigt. Im Fokus stehen hier ebenfalls Oberbau und Technik.

Im Fernverkehr der Deutschen Bahn ist während der Streckensperrung mit Reisezeitverlängerungen zu rechnen, so z.B. auf den Verbindungen Stuttgart-Frankfurt, Stuttgart-Köln und Stuttgart-Berlin. Konkrete Umleitungs- und Fahrplankonzepte sind derzeit noch in Planung.

Generalüberholung Schnellfahrstrecken ab 2019

Generalüberholung Schnellfahrstrecken ab 2019