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Buntmetalldiebstahl bei der Deutschen Bahn

2015 rund 14 Millionen Euro Schaden • Schutzmaßnahmen greifen: Buntmetalldiebstahl geht erneut um 16 Prozent zurück • Künstliche DNA erleichtert Überführung der Täter • Internationale Kooperationen

(Berlin, April 2016) Der Zugverkehr im Bahnknoten Hannover läuft gut an diesem Freitagabend. Plötzlich wird im Stellwerk ein Abschnitt der Strecke Hannover-Celle rot dargestellt. Normalerweise bedeutet das, dass ein Zug den Gleisabschnitt belegt, gerade ist aber kein Zug in diesem Bereich unterwegs. Für den Fahrdienstleiter klares Zeichen einer technischen Störung. Die Signale in diesem Bereich lassen sich nicht mehr auf „grün“ stellen, bleiben auf „rot“, der Zugverkehr steht still. Der Fahrdienstleiter informiert den Störungsdienst. Die DB-Techniker und die hinzugerufenen Beamten der Bundespolizei stellen fest, dass mehrere Meter Kupferkabel aus einem Kabelkanal neben den Gleisen gestohlen wurden. Damit werden die Informationen von der Strecke und den Signalen nicht mehr ins Stellwerk übertragen. Das Sicherungssystem sorgt dafür, dass vorläufig alle Signale auf „rot“ bleiben.

Züge aus beiden Richtungen stauen sich vor dem Streckenabschnitt. Dutzende Züge mit Tausenden Fahrgästen werden ihr Ziel heute nicht pünktlich erreichen. Erst allmählich kommt der Zugverkehr wieder in Gang, zunächst nur auf einem von zwei Gleisen. Es dauert mehr als vier Stunden, bis der Schaden behoben ist und die Züge wieder in beiden Richtungen mit normaler Geschwindigkeit rollen. Für insgesamt 120 Züge summieren sich die Verspätungsminuten auf über 2000. Mehr als 15.000 Menschen erreichen ihr Ziel durchschnittlich eine Stunde später als geplant. Nur ein Beispiel für ein Phänomen, das die DB regelmäßig trifft: der Buntmetalldiebstahl.

Mit rund 1.250 registrierten Fällen von Metalldiebstahl ist die Zahl der Taten 2015 erneut um 16 Prozent zurückgegangen. Gegenüber 2011 ist die Zahl der Buntmetalldiebstähle damit auf nur noch ein Drittel zurückgegangen. Doch die Auswirkungen für die Bahnreisenden sind weiterhin gravierend: Rund 7.000 Züge hatten 2015 infolge Metalldiebstahls rund 105.000 Verspätungsminuten erhalten. Damit ging die Zahl der betroffenen Züge um 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück, die Zahl der Verspätungsminuten konnte sogar um ein Drittel reduziert werden. Doch unabhängig von der Schwere der Auswirkungen bleibt jeder einzelne Vorfall ärgerlich für die Fahrgäste der Deutschen Bahn. Dabei ist der materielle Schaden nur die ein Seite: Reparaturkosten, zusätzliche Züge, Überstunden für Mitarbeiter, Ersatzverkehre mit Bussen und Forderungen verärgerter Fahrgäste belasten die Bahn und ihr Image zusätzlich.

Die Diebe haben es vor allem auf Materialien wie Kupfer, Aluminium und Bronze abgesehen. Zwar sind die Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt im vergangenen Jahr weiter gesunken, vor allem organisierte Banden nutzen dennoch ihre Erfahrung sowie bewährte Absatzwege und stehlen weiterhin Metallteile von Bahnanlagen.

Regionale Schwerpunkte im Osten und Westen Deutschlands

Der materielle Schaden, der der Deutschen Bahn im Jahr 2015 durch die Buntmetalldiebstähle entstanden ist, beläuft sich auf mehr als 14 Millionen Euro. Das sind zwar 3 Millionen weniger als im Vorjahr. Doch ist der materielle Schaden nur die ein Seite: Reparaturkosten, zusätzliche Züge, Überstunden für Mitarbeiter, Ersatzverkehre mit Bussen und Forderungen verärgerter Fahrgäste belasten die Bahn und ihr Image zusätzlich. Oft beschädigen Täter auch Kabelanlagen, die bei näherer Betrachtung für sie wertlos sind. Die Täter flüchten dann oft unerkannt, dennoch muss die DB durchtrennte oder beschädigte Kabel und zerstörte Schaltanlagen ersetzen. Auch wenn die Täter leer ausgehen, entsteht ein immenser Schaden für die DB und ihre Kunden.

Die regionalen Schwerpunkte der Buntmetalldiebstähle liegen in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Berlin/Brandenburg sowie in Niedersachsen und im Ruhrgebiet. Ostdeutschland ist für Diebe aufgrund der Nähe zu Osteuropa eine bevorzugte Region. Geklaut wird auf Baustellen, stillgelegten und in Betrieb befindlichen Strecken sowie an Bahnhöfen und Stellwerken. Dabei haben es die Diebe auf Fahrleitungsdrähte, Tragseile, Telefondrähte, Erdungskabel, Kleineisenteile, Verbindungsstücke und sogar Schienenstücke abgesehen.

Wichtig: Von Buntmetalldiebstählen gehen keine Gefahren für Kunden aus. Wird ein Signalkabel durchtrennt, schalten alle Signale im Streckenabschnitt auf Rot. Denn das Sicherheitssystem der Bahn ist so angelegt, dass bei einer Störung, sei es aufgrund von Bauarbeiten oder eben durch Sabotage, der Verkehr automatisch und sicher zum Stillstand kommt.

Vorrangig organisierter Bandendiebstahl

Der überwiegende Teil der Diebstähle wird von professionellen Gruppen verübt. Sie bringen das erbeutete Metall oft schnell ins Ausland, um es dort zu verkaufen. Es gibt aber auch Kleinkriminelle und Einzeltäter, die versuchen, ihre Haushaltskasse durch den Verkauf von ein paar Kilo Buntmetall aufzubessern. Ihre Beute bringen sie zu lokalen Schrotthändlern. Ein Teil der Strategie im Kampf gegen den Metalldiebstahl ist daher die Zusammenarbeit mit Metallhändlern, um den Dieben die Absatzwege abzuschneiden. So fordert die die DB gemeinsam mit anderen Unternehmen, dass sich alle Metallhändler einer Zertifizierung unterziehen, die einen Ankauf gestohlener Metallteile unmöglich macht. Im April 2016 haben die ersten Metallhändler dieses Zertifizierungsverfahren abgeschlossen. „Hier wird geprüft“ steht auf Schildern an der Einfahrt. Klares Signal an alle Metalldiebe, dass sie ihr Diebesgut hier nicht loswerden. Durch Prüfung anhand von Bauteil-Listen und UV-Licht wird gestohlenes Material identifiziert und die Polizei alarmiert.

Die Profis unter den Dieben rücken zum Teil sogar mit Lastwagen und Kran an, um sich an den Bahnanlagen zu schaffen zu machen. Ein riskantes Unterfangen: Durch den Zugbetrieb und 15.000 Volt Spannung in der Oberleitung begeben sich die Täter in Lebensgefahr.

Zumal das Risiko erwischt zu werden sehr hoch ist – jeder fünfte Dieb geht in die Falle. Womit die Täter nicht rechnen, sind die Schadensersatzforderungen der DB. Sie beschränken sich dabei nicht allein auf den Materialwert, sondern auch auf die Kosten, die durch die Einschränkungen im Zugverkehr entstehen. Bei Metallteilen im Wert von 100 Euro können so schnell mehrere 100.000 Euro Schadensersatz zusammenkommen.

Der Diebstahl von Teilen der Bahnanlage ist eine Straftat und zieht damit strafrechtliche Konsequenzen für die Täter nach sich. Nach dem Strafgesetzbuch wird Diebstahl mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft. In besonders schweren Fällen oder bei einer Gefährdung des Bahnverkehrs kann die Strafe sogar bis zu zehn Jahre betragen.

Sicherheitsmaßnahmen greifen

Nachdem die Zahl der Buntmetalldiebstähle aufgrund der stark anziehenden Rohstoffpreise über mehrere Jahre deutlich gestiegen ist, haben die von DB und Bundespolizei entwickelten Maßnahmen nun im dritten Jahr hintereinander für deutliche Rückgänge gesorgt. Die Fallzahlen gehen zurück, das Phänomen der Metallkriminalität hat auch ein gewisses öffentliches Interesse erfahren.

Der verstärkte Einsatz von Sicherheitspersonal in Uniform und zivil soll den Kriminellen das Handwerk legen. An Brennpunkten gehen DB und Bundespolizei gemeinsam gegen die Diebstähle vor. Speziell geschulte Einsatzkräfte der DB legen sich an bekannten Hotspots auf die Lauer, um Täter zu ertappen. Dabei harren sie oft stundenlang im Gelände getarnt aus, bis sie Metalldiebe auf frischer Tat stellen und der Polizei übergeben können. Dabei nutzen sie anspruchsvolle Technik wie Wärmebildkameras, Nachtsichtgeräte und mobile Videotechnik. Schwerpunkt der Einsätze, bei denen nicht nur die freie Strecke, sondern auch Werksgelände und Baustellen beobachtet werden, sind NRW sowie die Region Berlin/Brandenburg. Zusammen mit der Bundespolizei hat die DB außerdem eine Informationsbroschüre an Metallhändler verteilt, die vor dem Ankauf gestohlener Ware warnt und die am häufigsten gestohlenen Teile in Text und Bild darstellt.

Mit der Deutschen Telekom, RWE und dem Verband Deutscher Metallhändler hat die DB zudem eine Sicherheitspartnerschaft gegründet, um gegen Buntmetalldiebstähle mit vereinten Kräften vorzugehen. Ziel des Bündnisses ist es, den Metalldiebstahl vom Tatort bis zum Absatz einzudämmen. Inzwischen wurden mit den vier Übertragungsnetzbetreibern Amprion, TenneT, 50Hertz und Transnet BW, der Bundesvereinigung Deutscher Stahlrecycling- und Entsorgungsunternehmen (BDSV) sowie Vattenfall Europe Mining und Thyssen Krupp weitere Unternehmen in die Sicherheitspartnerschaft aufgenommen. Kernstück der Zusammenarbeit bildet ein elektronisches Frühwarnsystem, mit dem sich die Mitglieder untereinander über aktuelle Metalldiebstähle informieren und so den Absatz des gestohlenen Materials erschweren. Seit Juni 2013 ist die Sicherheitspartnerschaft zudem Mitglied im Europäischen Projekt PolPrimitt, einem Zusammenschluss der Polizeien europäischer Staaten im Vorgehen gegen die Metallkriminalität. In Deutschland will das Bündnis Standards bei der künstlichen DNA schaffen, um die Ermittlungsarbeit zu erleichtern.

Darüber hinaus nutzt die Deutsche Bahn neue Methoden, um die Diebstähle unattraktiv zu machen. Soweit technisch möglich, wird der Anteil von hochwertigem Kupfer durch billigere Metalle ersetzt – beispielsweise bei den so wichtigen Erdungskabeln.

Als weltweit eines der ersten Eisenbahnunternehmen kennzeichnet die Deutsche Bahn seit 2011 Kabel und Anlagen mit künstlicher DNA. Dazu wird eine für die Täter unsichtbare Flüssigkeit mit dem künstlichen DNA-Code auf das Material aufgesprüht. Bei der Betrachtung unter einem Mikroskop wird ein holografisches Logo der DB erkennbar. Das so gekennzeichnete Material kann eindeutig der Deutschen Bahn als Eigentümerin zugeordnet werden. Ein zweiter Code verrät, wo das gefundene Material gestohlen wurde. Der Code besteht aus winzigen Metallteilchen (mikrolithographische Plättchen), auf die eine Codierung aufgeätzt worden ist. Die Partikel sind resistent gegen Sonne, Frost, Regen und Feuer.

Künstliche DNA lässt sich in vielen Varianten herstellen - so kann die DB die Buntmetalle auf jedem Streckenabschnitt und auf jeder Baustelle mit individuellen Codes markieren. Die künstliche DNA ist zudem sehr widerstandsfähig. Versuchen die Metalldiebe die Markierung zu entfernen, indem sie die Metallteile zersägen oder Kabelmäntel entfernen, landet das DNA-Material auf Werkzeugen, Kleidung und Händen. Mittels ultravioletten Lichts ist der Beweis für den Diebstahl schnell erbracht.

 


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