Deutsche Bahn
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11.08.2017 Düsseldorf

Schaltzentrale der Bahn für den NRW-Nahverkehr

Transportleitung: Verkehrskoordination im größten Ballungsraum Europas • Schnelle Entscheidungen und bestmögliche Lösungen im Störungsfall

Im Stauland NRW, dem größten Ballungsraum Europas, stößt die Infrastruktur stets an die Belastungsgrenze. Nicht nur auf den Straßen, auch auf den Schienen ist das Verkehrsaufkommen enorm. Allein DB Regio NRW zählt täglich rund eine Million Fahrgäste und etwa 2.700 Zugfahrten. Dafür sind bei der DB-Nahverkehrstochter über 1.800 Triebfahrzeugführer (Tf) und 670 Kundenbetreuer im Nahverkehr (KiN) auf knapp 50 S-Bahn-, RE- und RB-Linien im Einsatz. Eine Vielzahl weiterer Verkehrsunternehmen ist im eng vertakteten Bahnnetz unterwegs. Bei dieser Dichte ist es nicht verwunderlich, dass selbst ein kleiner Zwischenfall weitreichende Auswirkungen haben kann. Die Mitarbeiter in der Duisburger Transportleitung (TP) sorgen in solchen Situationen umgehend für Lösungen und dafür, dass Reisende über Störungen und Fahrtalternativen informiert werden. In NRW wird ihr Einsatz mehrmals täglich gebraucht.

Knapp ein Dutzend Verkehrsdisponenten koordinieren in der Transportleitung den alltäglichen Verkehr von DB Regio NRW. Ihre Aufgabe ist es nicht allein, einen reibungslosen Verkehrsfluss sicherzustellen. Bei jeder Entscheidung haben die erfahrenen Mitarbeiter vor allem die Situation der Fahrgäste im Blick: „Nur auf den Verkehrsfluss zu schauen, reicht nicht aus, weil wir Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen an Bord haben; Pendler, Radreisende, Schulklassen, Eltern mit Kleinkindern oder mobilitätseingeschränkte Reisende“, erklärt Dirk Staymann, Leiter der Transportleitung. „Es geht also nicht nur darum, ob der Verkehr irgendwie rollt: Lohnt es sich zum Beispiel, einen verspäteten Zug bis zur Endhaltestelle fahren zu lassen? Oder sollte er besser schon vorher die Rückfahrt antreten, um wieder nach Plan zu fahren, da der Nachfolgezug ohnehin bald kommt und die Reisenden an ihren Zielort bringen kann? Wie viele Reisende sind betroffen? Ist der Zug voll oder wenig besetzt? Sind Schulklassen an Bord? Oder mobilitätseingeschränkte Fahrgäste, die Unterstützung beim Umstieg brauchen? Das alles spielt eine Rolle.“

Transportleitung von DB Regio NRW in Duisburg - Schaltzentrale für den DB-Nahverkehr in NRW

Dabei sind häufig sehr schnell akute Fragen der Fahrzeug- und Personaldisposition zu lösen: Es muss beispielsweise geklärt werden, ob und ggf. wo Ersatzfahrzeuge zur Verfügung stehen, die zeitnah zum Einsatz kommen können oder ob für einen verspäteten Zug unter Umständen kurzfristig Ersatzpersonal gebraucht wird, weil die vorhandenen Personale ihre vorgeschriebenen Schichtzeiten überschritten haben. Wenn mehrere Verkehrsunternehmen von der Störung betroffen sind, was im wettbewerbsintensiven NRW-Nahverkehr zunehmend der Fall ist, gilt es im Sinne der Fahrgäste eine gemeinsame Lösung zu finden.

Die TP ähnelt einem Flughafen-Tower, von dem aus der gesamte Regio-Verkehr über Bildschirme beobachtet und koordiniert wird. Fünfzig Disponenten wechseln sich rund um die Uhr in Schichten ab: fünfzehn tagsüber, sechs in der Nacht. Die Mitarbeiter sitzen in Rondellen zusammen. Jeder schaut auf mehrere der Dutzend Monitore, die unterschiedliche Informationen zu allen Regio-Züge anzeigen, die gerade unterwegs sind. Hier ist nicht nur zu sehen, ob Züge verspätet sind, sondern auch welche Tf und KiN an Bord mitfahren. Die Kollegen können die TP-Mitarbeiter von unterwegs über die Situation im Zug informieren. Kommt es zu einer Verspätung oder Störung, müssen schnellstmöglich Entscheidungen und Abstimmungen getroffen werden. Um auf gewisse wiederkehrende Situationen bestmöglich vorbereitet zu sein, gibt es dafür bereits vorgefertigte Notfall- und Störkonzepte.

Spielende Kinder auf den Gleisen

„Ein typischer Fall in der Ferienzeit sind spielende Kinder auf den Gleisen“, weiß Staymann aus Erfahrung. "Der Notruf kommt meist von einem besorgten Bürger oder von einem Tf. Zur Sicherheit wird die Strecke sofort von DB Netz gesperrt und es kommt zum Nothalt aller Züge im Umkreis sowie der Folgezüge.“ Erst nachdem die Bundespolizei alarmiert wurde und die spielenden Kinder in Sicherheit gebracht oder sich versichert hat, dass niemand mehr auf den Gleisen unterwegs ist, kann der Zugverkehr wieder seinen regulären Lauf nehmen. „Viele Einfluss- und Störfaktoren können wir nicht verhindern, weil sie außerhalb des Systems Bahn liegen“, erklärt Staymann. „Aber unsere Mitarbeiter wissen genau, was zu tun ist, wenn es hakt. Dabei hat die Sicherheit aller Beteiligten natürlich Priorität. Darüber hinaus geht es darum, die Einschränkungen für die Fahrgäste so gering wie möglich zu halten, sie zu informieren und schnellstmöglich zum ursprünglichen Fahrplan zurückzukehren.“

Ein Zug bleibt stehen

Neben externen Einflüssen gibt es natürlich auch technische Pannen. So kann es passieren, dass ein Zug ähnlich wie ein Auto liegen bleibt. Die Folgen für den Verkehrsfluss sind allerdings weitreichender, denn einen Seitenstreifen gibt es nicht. „Viele unserer Disponenten haben vorher als Triebfahrzeugführer gearbeitet“, sagt Staymann. „Das ist ein enormer Vorteil, denn sie kennen nicht nur die Strecken in- und auswendig, sondern auch die Fahrzeuge. Oft können sie einem liegen gebliebenen Kollegen telefonisch Tipps für kleinere Reparaturen wie eine Türstörung geben. Dann kann die Fahrt schon bald weitergehen, ohne dass der Zug in die Werkstatt muss." Ist das Fahrzeug aber nicht mehr fahrbereit, organisieren die Disponenten einen Schienenersatzverkehr mit Bussen oder Taxen. Alle nachfolgenden Züge müssen umgeleitet und das defekte Fahrzeug abgeschleppt werden.

„Steckt der Zug irgendwo im Nirgendwo fest, wird die Evakuierung der Fahrgäste mitunter eine Herausforderung“, berichtet Staymann. „Ältere Fahrgäste, Rollstuhlfahrer oder Eltern mit einem Baby können das Fahrzeug nicht ohne eine barrierefreie Erhöhung verlassen.“ Auch nachdem alle Fahrgäste ausgestiegen sind, kann der weitere Weg etwa an einer steilen Böschung problematisch werden. Ein Mitarbeiter des Regio NRW Notdienstes und ein Notfallmanager der DB Netz AG organisieren in solchen Fällen zusammen mit der Feuerwehr geeignete Evakuierungsmaßnahmen.

Zusammenarbeit in der TP

Bei Störungen ist es in der TP nicht allein damit getan, den vom Regelfahrplan abweichende Betrieb bestmöglich zu koordinieren. Gleichzeitig ist es essenziell, die Kunden rechtzeitig und zielgerichtet mit Informationen zu versorgen. An der Seite der Disponenten arbeiten daher auch die sogenannten Streckenagenten. Sie bekommen Abweichungen vom Fahrplan unmittelbar mit. Der Vorteil: Alle relevanten Infos zu Verspätungen, Störungen und Reise-Alternativen können sie den Kunden umgehend und in Echtzeit über Twitter und WhatsApp durchgeben.

Streckenagent Transportleitung Duisburg DB Regio NRW

„Teamwork wird in der Transportleitung großgeschrieben, sonst würde nichts funktionieren", sagt Staymann. Das gilt nicht nur für die DB-Kollegen untereinander, sondern auch für die Zusammenarbeit unter Wettbewerbern. Denn neben DB Regio sind zahlreiche weitere Verkehrsunternehmen auf NRWs Schienen unterwegs, deren Verkehr ebenfalls koordiniert werden muss. „In Ausschreibungen sind wir zwar Wettbewerber, aber nicht im Bahn-Alltag", betont Staymann. „Damit der Verkehr auf den Schienen rollt, müssen wir konsequent und ausnahmslos zusammenarbeiten. Für den Kunden ist es zweitrangig, zu welchem Anbieter der Zug gehört, in dem er gerade sitzt. Er will einfach rechtzeitig an sein Ziel kommen.“