Stephan Hanke, Lokführer: „Doppelt so schnell wie das Auto, halb so schnell wie das Flugzeug“

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Stephan Hanke, Lokführer: „Doppelt so schnell wie das Auto, halb so schnell wie das Flugzeug“

Quelle: DB AG / Max Lautenschläger

Der chinesische Staats- und Parteichef Jiang Zemin, drei deutsche Bundespräsidenten und seine todkranke Mutter: alle hat Triebfahrzeugführer Stephan Hanke mit dem ICE 1 durch die Gegend gefahren. Hier erzählt er seine persönlichen Geschichten mit dem ICE.

„Als jüngster ICE-Lokführer Deutschlands durfte ich den ICE 1 1993 in NRW begrüßen. Es gab damals zwei große Betriebsstellen in Köln: Deutzerfeld im rechtsrheinischen Stadtteil Deutz und den Betriebsbahnhof in der Neustadt. Deutzerfeld hatte schon die Baureihe 120, also bekamen wir als Gegenstück die Baureihe 401. Das war schon eine große Ehre. Der ICE 1 fuhr dann als Spree-Kurier und als Alster-Kurier ab Köln.

Die Bundesbahn gab 18 Millionen D-Mark für die ICE-Werbemaßnahmen aus – mehr als für jede andere Kampagne zuvor. Die Slogans kann ich heute noch auswendig: „Doppelt so schnell wie das Auto, halb so schnell wie das Flugzeug“ oder „Vor 156 Jahren galt Bahnfahren als aufregend. Jetzt ist es wieder soweit.“

Der ICE 1 sorgte für Aufbruchsstimmung. Er läutete ein neues Zeitalter der Eisenbahn ein. Mich hat vor allem die Technik fasziniert: der Drehstromantrieb, die automatische Fahr- und Bremssteuerung oder die Datenübertragung per Lichtwellenleiter. Das war etwas noch nie Dagewesenes, etwas Sensationelles.

Als Lokführer hat man gespürt: Das ist Qualität. Der ICE 1 war ein Meisterstück deutscher Ingenieurskunst und ein Aushängeschild für die Wirtschaft. An der Herstellung waren ja auch viele renommierte Firmen wie AEG, Siemens, Krauss-Maffei oder Krupp beteiligt. Jeder war stolz auf den ersten ICE, den Wegweiser des Hochgeschwindigkeitsverkehrs.

Das war auch auf der Schiene so. Der ICE hatte immer Vorfahrt. Heute muss ich auch mal den Rhein-Ruhr-Express vorbeilassen. Das fuchst mich schon.

Ich komme aus einer traditionellen Eisenbahner-Familie: Mein Großvater war Schrankenwärter, mein Vater Lokführer, mein Bruder Rangierer sowie Ausbilder und meine Schwester hat in der Pressestelle gearbeitet. Für mich gab es nie etwas anderes als die Bahn. Schon als Kind wollte ich Lokführer werden.

Jetzt bin ich schon 37 Jahre dabei. Und viele Jahre davon hat der ICE mein Arbeitsleben geprägt.“

Ihre aufregendste Fahrt mit dem ICE 1?

„Ich durfte viele Sonderfahrten übernehmen und insgesamt drei Bundespräsidenten im ICE begrüßen: Roman Herzog, Johannes Rau und Horst Köhler. Den mit Abstand aufregendsten Einsatz hatte ich jedoch im Sommer 1995, als der Staats- und Parteichef der Volksrepublik China Jiang Zemin zu Gast in Deutschland war. Auf dem Programm stand eine Testfahrt von Ludwigsburg nach Bonn-Rolandseck. Der Staatsgast wurde von Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann, DB-Personenverkehrsvorstand Klaus Daubertshäuser und Vorstandsmitgliedern von Siemens und AEG hofiert. Man spekulierte damals auf große Geschäfte und wollte den ICE für die Strecke zwischen Peking nach Shanghai anpreisen. Die Herren dinierten im Salonwagen, der im Vorfeld ausgeräumt und mit Panzerglas versehen wurde. Wir waren mit Sicherheitsstufe unterwegs. Während der Zugfahrt war die GSG 9 mit zwei Motorrädern an Bord. Über uns kreisten ständig die Hubschrauber und entlang der ganzen Strecke wurde die Polizei positioniert. Dass ich so etwas mal erlebe, hätte ich auch nicht gedacht.“

Ihr Lieblingsgast im ICE 1?

„Als der ICE-Bahnhof Bochum 1995 eröffnet wurde, durfte ich eine Pendelfahrt zum Bahnhofsfest übernehmen. Mit an Bord war meine todkranke Mutter. Ich glaube sie war an diesem Tag sehr stolz auf mich – und ich auf sie.“

Ihre Wünsche an den ICE 1 für die nächsten 10 Jahre?

„Ich wünsche dem ICE 1, dass er weiterhin zuverlässig, störungsfrei und unfallfrei fährt. Und das wird er auch, wenn man ihn hegt und pflegt. Und vielleicht bleibt er uns ja sogar noch länger erhalten, wer weiß das schon.“