Grün an der Bahn - Wie die DB Bäume und Sträucher pflegt

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Grün an der Bahn - Wie die DB Bäume und Sträucher pflegt

Weiterentwicklung des Vegetationsmanagements ab 2019 • Anregungen von Eisenbahnverkehrsunternehmen, Behörden und Waldeigentümern eingeflossen • Zusätzliche Forstarbeiter und neues Expertenteam im Einsatz

Extremwetterlagen mit Auswirkungen auf das System Schiene haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen.  Immer häufiger sorgen schwere Stürme für millionenhohe Schäden an Gleisen und Anlagen sowie Zugausfälle oder Verspätungen. Für die Fahrgäste und den Güterverkehr ist dies verständlicherweise ein großes Ärgernis. Die DB reagiert mit zusätzlichen Maßnahmen im Vegetationsmanagement und trägt damit den geänderten Rahmenbedingungen und Auswirkungen von Extremwetterlagen auf den Bahnbetrieb Rechnung. Ziel ist es, die Schiene sturmsicherer zu machen - damit die Fahrgäste bei Wind und Wetter verlässlich unterwegs sind

Nach einer Lernphase im Jahr 2018 wird das Vegetationsmanagement der DB weiterentwickelt und ausgebaut. Die angepasste Strategie ist die Antwort der DB vor allem auch auf Anregungen von Eisenbahnverkehrsunternehmen, weiteren Abstimmungen mit zuständigen Behörden und Waldeigentümern entlang der Trassen, sowie dem Anspruch des Umwelt- und Naturschutzes.


Die wichtigsten Fakten zum weiterentwickelten Vegetationsmanagement auf einen Blick

1. Mehr Tempo
  • Durcharbeiten des gesamten Schienennetzes sechs Meter links und rechts der Gleise in fünf Jahren, danach weiterhin regelmäßige Pflege.
  • Weitere 6.000 Kilometer Strecke per anno werden durchforstet, also durch Entnahme oder Förderung von Bäumen, stabiler gemacht.
2. Mehr Geld
  • Bis 2024 nimmt die DB zusätzlich rund 160 Millionen Euro in die Hand.
  • Für das Vegetationsmanagement stehen damit für die nächsten fünf Jahre 660 Millionen Euro zur Verfügung. 
3. Mehr Wissen
  • Mit Vegetationsstrategie 2019 trägt die DB nach einer intensiven Lernphase insbesondere auch den Anregungen der Branche, von Behörden und privaten Waldeigentümern Rechnung.
  • Weitere Eckpfeiler: forstwirtschaftliche Erkenntnisse sowie Belange des Umwelt- und Naturschutzes.
4. Mehr Innovationen
  • Neues System zur digitalen Inspektion ist bereits gestartet und liefert präzise Informationen über den Zustand des Bahnwaldes.
  • Zusammenarbeit mit Startups – unter anderem bei der satellitengestützten Datenerhebung.
  • Drohnen und Helikopter punktuell im Einsatz, um Zustand der Vegetation aus der Luft zu erfassen.


Mit Expertise für die sturmsichere Bahn

Schon heute arbeiten rund 1.000 Mitarbeiter daran, das deutsche Streckennetz möglichst unwetterfest zu machen. Für die Inspektion sind nochmal bis zu einhundertfünfzig neue Fahrwegpfleger und Förster im Einsatz. Zusätzlich hat die Bahn ein neues Expertenteam ins Leben gerufen, das sich mit Naturgefahren und deren Auswirkungen auf den Zugverkehr auseinandersetzt.

Gespräch mit Felix Gerhardt, Teamleiter Vegetation und Naturgefahren bei der DB Netz AG

   
„Im Team Naturgefahrenmanagement haben wir die
geballte Fachkompetenz an einer Stelle
versammelt, um präventiv und nachhaltig aktiv zu werden.“

 

Herr Gerhardt, Team Naturgefahrenmanagement - das klingt nach einer spektakulären Einsatztruppe. Was genau kann man sich darunter vorstellen? Und warum braucht die Bahn so eine Mannschaft?

Unser vierköpfiges Team gibt es seit Mitte 2018 und setzt sich aus zwei diplomierten Forstwirten, einem Wasserwirtschaftsingenieur und einer promovierten Geowissenschaftlerin zusammen. Wir haben damit die geballte Fachkompetenz zum Thema Naturgefahren an einer Stelle versammelt. Das gab es in dieser Form und Intensität bislang noch nicht bei der Bahn.

Mit dem Team Naturgefahrenmanagement sind wir in der Lage, zusätzliche Erkenntnisse zu generieren, um präventiv sowie nachhaltig aktiv zu werden. Durch die genaue Analyse bisheriger Ereignisse und Störfälle können wir so notwendige Vorsorgemaßnahmen ableiten und umsetzen, damit bei Extremwetterlagen der Bahnverkehr besser rollt.
 

Woran arbeiten Sie mit Ihrer Spezialtruppe gerade konkret?

Wir beschäftigen uns mit allen möglichen und tatsächlichen Auswirkungen von Extremwetterlagen auf den Eisenbahnbetrieb. Dazu zählen schwere Unwetter ebenso wie lange Trockenzeiten oder massive Wintereinbrüche. Das weiterentwickelte Vegetationsmanagement zum Beispiel, das eine Reihe zusätzlicher Maßnahmen für einen robusteren Bahnwald vorsieht, haben wir in Zusammenarbeit mit Fachabteilungen und Forstexperten unserer Regionen und Dienstleister federführend gestaltet.

Darüber hinaus sind wir derzeit dabei, das Konzept der präventiven Pflege zu überarbeiten und sowohl bewährte als auch neue Maßnahmen auf den Prüfstand zu stellen. Der Klimawandel ist kein lineares Phänomen, daher müssen wir auch unsere Konzepte ständig validieren.

Grundsätzlich entwickeln wir Vorgaben in Form von Richtlinien, Prozessen oder Weisungen sowie Leitlinien für unsere Regionalbereiche. Und wir stehen natürlich immer auch als fachliche Ansprechpartner für interne und externe Fragesteller zur Verfügung.
 

Welche Möglichkeiten sehen Sie, neben einer erweiterten Vegetationspflege noch, um das System Bahn stabiler gegen widrige Witterungsbedingungen zu machen?

In Zeiten sich wandelnder Klimaeinflüsse setzen wir insbesondere auf den technologischen Fortschritt, um Störungen an der Bahn zu minimieren. Ein Baustein hierbei sind zum Beispiel Vorhersagemodelle, die uns durch Berücksichtigung vielzähliger Einflussfaktoren ermöglichen, präventive Maßnahmen durchzuführen oder unsere Ressourcen in der betroffenen Region zu bündeln.

Auch digitale Aufnahmen aus der Luft können konkreter ausgewertet werden und bieten Informationen, die schon im Voraus helfen, notwendige Maßnahmen zu entwickeln und gezielt durchzuführen. Die Dokumentation von Inspektionen oder auch von Störungen schafft zudem eine Datengrundlage, mit der lernende Systeme Schwerpunktbereiche ermitteln können. Wichtig ist, dass wir nicht aufhören zu lernen und uns zu entwickeln.

Neben der Vegetationspflege wird in unserer Abteilung auch der Winterdienst kontinuierlich ausgebaut, um auf die jahreszeitspezifischen Erfordernisse bei Unwetterlagen schnell reagieren zu können. Zehntausende DB-Mitarbeiter sowie beauftragte Firmen stehen während der Wintermonate zum Einsatz bereit, um Bahnsteige, Weichen und Bahnübergänge vom Schnee zu befreien und schnell wieder in Betrieb zu nehmen. Die hierfür nötige Vorbereitung, wie die Wartung technischer Geräte sowie Vertragsschließungen mit regionalen Räumdiensten, beginnt bei der DB bereits im Sommer.
 

Tauschen Sie sich mit anderen Verkehrsträgern oder Wettbewerbern aus, um deren Erfahrungen mit Extremwetterlagen zu berücksichtigen? Dort gibt es ja sicher ähnliche Themen.

Wir nehmen an einer Vielzahl von Expertennetzwerken teil und organisieren selbst einen regen Austausch zwischen den europäischen Bahnen sowie mit anderen Infrastrukturbetreibern. Auch das Wissen innerhalb der DB ist eine Ressource, die wir über Kommunikationsstrategien zu nutzen suchen.

Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Einbindung externen Wissens über Ausschreibungen, Förderungen von Start-up-Unternehmen oder Kooperationen mit Instituten aus Wissenschaft und Technik.

Bildergalerie: Helfer der Bahn: Fällkran, Bagger, Helikopter und Co.


Spektakuläre Forsttechnik im Einsatz für die Vegetationspflege

12-Tonnen-Schreitbagger: Unterwegs an schwer zugänglichen Hängen

Die DB setzt bei der Vegetationspflege entlang ihrer Strecken neben fachkundigen Wald- und Forstarbeitern zunehmend auch auf spektakuläre Technik. Ein ganz besonderes Exemplar seiner Art ist ein 12-Tonnen-Schreitbagger, der immer dann zum Zuge kommt, wenn klassische Forstfahrzeuge längst ausgestiegen sind – an besonders steilen Hängen oder auf unwegsamem Gelände. Fast wie in einem Hollywood Blockbuster kann das Profigerät seine schweren Räder jeweils einzeln bewegen, drehen oder heben und so auch topographische Herausforderungen wie ein krabbelndes Insekt mühelos bewältigen. Die gelbe Spezialmaschine, die aus gutem Grund den Spitznamen „Spinnenbagger“ trägt, wird neben den Arbeiten bei der Bahn oft in den Alpen eingesetzt, um beispielsweise Lawinenfangzäune aufzubauen.

Helikopter im Einsatz: Rückschnitt mit fliegender Säge

Spektakulär geht es zu, wenn die Bahn für den Rückschnitt entlang ihrer Strecken Helikopter einsetzt. Entweder bestückt mit einer meterlangen Säge oder mit einem Greifer sind die Hubschrauber einer österreichischen Spezialfirma eindrucksvoll immer häufiger vor Ort aktiv. Dabei können in kurzer Zeit und bei laufendem Betrieb Bäume und Sträucher, die zu weit in den Gleisbereich ragen, zurückgeschnitten werden. Ergänzend kappen Baumkletterer die Kronen oder auch komplette Bäume, die dann ebenfalls mit Hilfe des Helikopters aus dem Wald geflogen werden.

Funkferngesteuerte Mulchraupe: Häckseln an extremen Steillagen

An extremen Steillagen oder Böschungen zu finden ist die funkferngesteuerte Mulchraupe. Die einem Rasenmäher ähnelnde Maschine häckselt dorniges Buschwerk rasiermesserscharf ab, als wäre es Papier. Sie kann beidseitig mit verschiedenen Geräten bestückt werden und ist so individuell auf ihren Einsatzort anpassbar.

Multi Task: Immer das passende Werkzeug parat

Ein weiterer Experte für schwere Fälle ist der Multi Task. Wie sein Name vermuten lässt, ist er in der Lage, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Basis des Ganzen ist ein Fahrzeug mit verstellbarem, nivellierbarem Fahrwerk. Dieses lässt sich je nach Bedarf so umbauen, dass es für die Bedingungen vor Ort passt. Eine Möglichkeit ist zum Beispiel, mit einem am Kranausleger befestigten Mulcher in Schräglage gegen störendes Gewächs vorzugehen.

Longfront Bagger: Spezialist in Sachen Natur- und Artenschutz

Sortiergreifer, Woodcracker, schwerer Forstmulcher und Heckenschere – das sind die Werkzeuge, mit denen der Longfront Bagger aufwarten kann. Und damit nicht genug ist er auch in Sachen Natur- und Artenschutz ganz weit vorn. Der Spezialbagger bietet die Option, schützenswerte Habitatbäume oberhalb von Bruthöhlen zu kappen oder schadhafte Bäume einzeln zu entnehmen. Das passiert ganz vorsichtig, ohne den Unterwuchs zu schädigen. Und weil der Longfront Bagger so präzise arbeitet, kann er sogar bei eingeschalteter Oberleitung und laufendem Bahnbetrieb eingesetzt werden.


Auf einen Blick: Vegetationsmanagement der DB im Vergleich

Vegetationsstrategie 2019

  • In der Stabilisierungszone werden deutlich schneller mehr Strecken bearbeitet (6.000 Kilometer pro Jahr im Hochlauf).
  • Durchforstung wird fortgesetzt.
  • Alle Strecken im gesamten Netz werden bearbeitet.
  • Schwerpunkt der Maßnahmen liegt auf unmittelbar an 6-Meter-Zone angrenzende Bereiche: umsturzgefährdete Bäume werden hier vollständig entnommen.

Aktionsplan Vegetation 2018

  • Intensivierte Inspektion (auch außerhalb der Rückschnittzone) ab März
  • Durchforstung des Waldbestandes auch tiefer (20-30 Meter) außerhalb der 6-Meter-Zone (Stabilisierungszone)
  • Zunächst nur wichtige, relevante Strecken im Fern- und Ballungsnetz (1.000 km p.a.)
  • Durch intensive Arbeiten in den Abschnitten: Umsetzung langwierig.


Film: "Aktionsplan Vegetation" 

Prävention

Im Rahmen gesetzlicher Vorgaben trägt die Bahn dafür Sorge, dass Zugfahrten auf der Schiene verlässlich durchgeführt werden können. Dafür gilt es, die Vegetation im direkten und weiteren Umfeld der Gleise im Blick zu behalten und bei Bedarf tätig zu werden. Das Konzept des Vegetationsrückschnitts folgt guter forstwirtschaftlicher Praxis. Belange des Natur- und Umweltschutzes werden umfassend berücksichtigt.

Bereits seit 2007 arbeitet die Bahn an der Umsetzung eines Präventionsprogramms entlang ihrer Anlagen. Neben dem Freihalten des Gleises selbst wird hierbei eine Rückschnittzone mindestens sechs Meter rechts und links der Gleise ganzjährig von Bewuchs freigehalten. Dieser bodennahe Rückschnitt im U-Profil erfolgt einmal im Jahr sowie bedarfsorientiert.

Inspektion 

Für die Inspektion sind seit 2018 noch mehr Fahrwegpfleger und Förster im Einsatz. Ihre Aufgabe ist es, in der Stabilisierungszone (außerhalb des 6-Meter-Raums) Bäume und weitere Pflanzen zu identifizieren, die durch Standort, Zustand oder Form eine mögliche Störungsquelle darstellen könnten. Der Baumbestand wird dabei durch die Fachleute eingehend inspiziert, digital katalogisiert und ausgewertet. Diese Daten bilden die Grundlage für die nachfolgende zielgerichtete Vegetationsentwicklung entlang der Bahngleise.

Durchforstung

Mit der Durchforstung wird ein robuster Vegetationsbestand an Schienen und Anlagen gefördert und entwickelt. Sturmanfällige Baumarten und -formen werden entfernt; stabile, standortgerechte Bäume und Sträucher unterstützt. Durch diese Maßnahmen werden die Waldbestände zu einem sturmsicheren Zielbild hingeführt. Bei allen Maßnahmen ist die DB auch auf die Unterstützung und Mitarbeit von Waldbesitzern, Behörden und Verbänden angewiesen.

Hotspots

2016 reagierte die Bahn im Rahmen des Qualitätsprogramms Zukunft Bahn auf Streckensperrungen durch unwetterbedingt umgestürzte Bäume mit einem erweiterten Vegetationsprogramm an besonders neuralgischen Stellen im Netz. An diesen so genannten Hot Spots wurden unter Beachtung des Natur- und Umweltschutzes Bäume auch außerhalb des 6-Meter-Bereichs im V-Schnitt gefällt.


Vegetationspflege im Einklang mit Jahreszyklus von Flora und Fauna

Der Rückschnitt von Vegetation entlang der Bahngleise steht im Einklang mit den gesetzlichen Vorgaben aus der Lärmverordnung sowie dem Umwelt- und Naturschutz. Es besteht ein allgemeines Schnittverbot in den Monaten März bis September. Hauptgrund dafür ist die Brut- und Setzzeit von Vögeln und Säugetieren.    

Infografik Vegetation Jahreszyklus

Naturgewalten – Stürme – extreme Unwetter: Die Deutsche Bahn setzt alle Hebel in Bewegung, die Schiene sturmsicherer zu machen. Damit die Fahrgäste bei Wind und Wetter verlässlich ihr Ziel erreichen.